THEMA: Im Land der Gorillas - Auf neuen Pfaden in Uganda
08 Sep 2024 07:50 #693506
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9.1.24: Easy living in Mihingo

Am Morgen hätten wir endlich einmal ausschlafen können, doch der Afrika-Rhythmus hatte uns voll im Griff. Kurz vor Sonnenaufgang war die Nacht vorbei, ob wir wollten oder nicht.

Ich war zwar wach, kam aber nur langsam in die Gänge, anders als Thomas, der sich die Kamera schnappte und auf den Felsen direkt neben unserem Zelt ging. Von dort hat man nicht nur einen fantastischen Rundum-Blick, sondern auch über den Lake Mburo, dem größten von fünf Seen, der dem Nationalpark seinen Namen gibt. Es werden auch Bootsfahrten auf dem See angeboten, wir hatten uns aber für andere Aktivitäten wie zum Beispiel die Fußpirsch entschieden.



Als der etwas verhaltene Sonnenaufgang vorbei und ich endlich fertig war, wurden wir auf dem Weg zum Frühstück jäh gestoppt. Gerade noch rechtzeitig bemerkten wir die Mangusten und einen Klippspringer neben unserem Zelt, der sich nur wenige Meter von uns entfernt ebenfalls für den Tag stärkte.





Wir warteten, bis die Bande weitergezogen und zwischen den Felsen und Sträuchern verschwunden war.



Das Frühstück war reichhaltig und sowieso toll, wie alle Mahlzeiten in Mihingo. Die Lodge hat einen eigenen Gemüse- und Kräutergarten, alle Salate sind frisch und stammen aus dem Garten. Ohnehin wird großer Wert auf Nachhaltigkeit gelegt, der Strombedarf wird über Solarmodule gedeckt, Wasser gibt es nur in Glasflaschen.

Das gefiel uns alles ziemlich gut und auch, dass sich die Betreiber für den Schutz der Tiere des Parks einsetzen: Die Lodge entschädigt einen Bauern, wenn ein Leopard oder eine Hyäne eines seiner Tiere tötet hat. Die Anzahl der vergifteten Leoparden und Hyänen ist nicht zuletzt dadurch stark zurückgegangen. Wir haben beides nicht zu Gesicht bekommen, die Chancen auf eine Leo-Sichtung stehen aber wohl vor allem bei einem Night-Drive sehr gut. Wir haben keinen gemacht.

Wir quatschten mit anderen Gästen, darunter viele Expats, die in Kampala leben und hier mit ihren Familien Urlaub machten.
Ohnehin war die Atmosphäre außerordentlich familiär, was vor allem an den herzlichen Mitarbeitern liegt - allen voran Topi, die tatsächlich so heißt und mit ihrem sonnigen Gemüt und ihrer forschen Art wohl auch den letzten Griesgram aus der Reserve locken würde. Bei Thomas und mir hatte sie leichtes Spiel, wir lachten viel und mochten uns. Michael, der nette Barmann vom Vorabend, ist ihr Vater und so schloss sich wieder einmal der Kreis.

Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen und schließlich begann es zu regnen. Wir hatten für diesen Tag keine Pläne, sondern machten Urlaub vom Urlaub, und weil es so gemütlich war, gingen wir einfach zurück ins Bett. Ich wollte eigentlich lesen, doch wir brauchten wohl beide eine Mütze Schlaf nach all dem frühen Aufstehen und den vielen Eindrücken, zwei Stunden lang schlummerten wir beide tief und fest.

Wieder wach, fühlten wir uns nicht nur richtig frisch, sondern steckten auch voller Tatendrang. Die Sonne war zurück und schien durch die Moskitonetze in den ansonsten offenen Fenstern.



Rund um die Lodge gibt es ein, zwei Pfade, keine ausgeprägten Wanderungen, aber immerhin etwas Bewegung, wir zogen Shorts an und Wanderschuhe und marschierten los. Weit kamen wir nicht, gleich bei den Büschen unterhalb des Restaurants tummelten sich so viele hübsche Schmetterlinge, dass wir direkt hängenblieben.









Als wir weiterschlenderten, führte der Pfad zunächst hinter den Hauptbereich mit dem Restaurant. Dort gibt es weitere Zelte auf den Felsen, alles sehr schön.



Dann liefen wir hügelabwärts zu einem Hide, überall Hufabdrücke von Büffeln im Schlamm, man hatte uns vorgewarnt und wir waren auf der Hut. Am Hide gab es kaum etwas zu entdecken, der Pfad nach unten wurde immer schmaler und verschwand fast ganz, wir waren nicht sicher, ob wir hier sein sollten. Oben hatten wir Bescheid gesagt, wir laufen in Richtung Wasserloch, es hatte keine Einwände gegeben, also gingen wir weiter. Schmetterlinge blieben unsere ständigen Begleiter.







Unten angekommen schauten wir über das hohe Gras hinauf zur Lodge.

Blick auf einen Teil der Mihingo Lodge. Rechts das Hauptgebäude mit Restaurant, Lounge, Pool und Bar. In der Mitte ganz oben unser Zelt beim ersten Aufenthalt. Bei unserer Rückkehr einige Tage später waren wir in dem vom Wald weitgehend verdeckten Zelt links unterhalb des Felsens untergebracht. Das war auch sehr schön, aber die Zelte oben auf und in den Felsen - auch rechts vom Restaurant, im Bild nicht zu sehen - haben uns von der Lage und vom Licht her besser gefallen.


Linkerhand lag das Wasserloch, auf das wir von der Lodge und unserem Zelt aus blickten. Morgens hatten wir Zebras gesehen, so mitten am Tag gab es Besuch von Warzenschweinen und wenigen Impalas.



Wir bogen rechts ab, offenbar der Reitweg, und liefen wieder hügelaufwärts. Alles in allem waren wir fast zwei Stunden unterwegs.



Den Nachmittag verbrachten wir am Pool, es war herrlich, auch mal in den Tag hinein zu leben.



Wir trafen Peter, der in einer offenen Lounge neben dem Restaurant las. Schon am Morgen hatten wir beim Frühstück erfahren, dass wir uns zum Sonnenuntergang bereithalten sollten. Wir wussten allerdings nicht, wofür, und er verriet auch nichts. Ich war gespannt, aber auch verhalten. Für größere Aktionen war ich an diesem Tag eher nicht zu haben.



Aber musste ich auch nicht, denn am späten Nachmittag rief uns Peter vom Aussichtsfelsen nebenan.

Rechts unser Zelt, links daneben (hinten) der Aussichtsfelsen, ganz links in der offenen Fläche das Wasserloch


Als wir zu ihm aufs Plateau stiegen, staunten wir nicht schlecht. Stühle, Tische, eine Kühlbox - das perfekte Sundowner-Setting und ein Blick zum Niederknien. Peter hatte sich in Schale geworfen und wir stießen glücklich miteinander an, so eine schöne Idee. Wieder hatten wir tolle Gespräche und nach einer Stunde auch leicht einen im Tee.



Das Abendessen war wieder phänomenal, die Stimmung gelöst, wir fühlten uns schon wie Zuhause. Das Bushbaby begann seine Nacht, wir beendeten den Tag.





Am nächsten Morgen ging es für uns schon wieder weiter. Aber wir würden ja wiederkommen.

Letzte Änderung: 08 Sep 2024 22:07 von Beatnick.
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09 Sep 2024 20:37 #693617
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10.1.24: Von Zäunen, Rindviechern und verbannten Frauen

Am Morgen weckte uns eine Pavianhorde, die sich einen Felsen neben unserem Zelt als Versammlungsort auserkoren hatte. Ihr Grunzen war kaum zu ignorieren, also gut, dann war die Nacht eben vorbei ...

Beim Frühstück rieb ich mir verwundert die Augen: Auf dem Buschbaby-Deck saß ... ein Buschbaby? Das konnte doch nicht sein, so am helllichten Tag, und natürlich war es nicht ein Galago, sondern ein Klippschliefer, den wir von oben erspäht hatten.



Und dann noch so ein hübscher dazu.



Wir verabschiedeten uns von Topi und Co., schon in wenigen Tagen gab es ein Wiedersehen, das machte es leichter. Nun ging es wieder westwärts, nicht durch den Park, sondern außen entlang, das Schutzgebiet ist nicht eingezäunt und so weideten friedlich Wildtiere neben den Nutztieren der Dorfbewohner.





Wir fuhren über einsame Pisten durch eine Landschaft, die ursprünglich zum Park gehört hatte. Optisch war sie kaum davon zu unterscheiden, Zebras und Antilopen fühlten sich hier genauso wohl wie jenseits des Gates.





Rechts und links des holprigen Weges gab es wieder jede Menge Vögel zu entdecken, darunter einige Erstsichtungen.

Diederik's Cuckoo


Sooty Chat


Wahlberg's Eagle


Green Pigeon


Cuckoo, aber was für einer?


Ein paarmal sprangen wir aus dem Auto und gingen zu Fuß auf die Pirsch.







Sooty Falcon


Plötzlich dann doch viele Menschen, schwer beschäftigt, sie zogen Stacheldraht. Schon kurz vorher waren mir einige eingezäunte Gebiete aufgefallen, manchmal weideten Zebras darin, sie waren wohl nicht rechtzeitig entkommen und quasi Beifang.

Peters war ungewohnt schweigsam und als ich ihn fragte warum, antwortete er spürbar geschockt: "I can't believe what I see." Jahrelang hatte er in dieser Region Gamedrives gemacht, eine flache Felserhebung war ein guter Spot für Leopardenbeobachtungen gewesen, er zeigte sie uns hinter dem Zaun.

Damit war es aus und vorbei. Nicht die Bauern der Gegend zogen den fiesen Stacheldraht, den sie sich niemals hätten leisten können und wollen. Sondern hochrangige Politiker, die sich einfach nahmen, was sie eigentlich schützen sollten, und kurzum als Weideland für ihre Rinderherden deklarierten. Es gab kein Korrektiv. Laut Peter gibt es rund um den Queen Elizabeth Nationalpark ähnliche Entwicklungen, schrumpft der Raum für wilde Tiere.



Das machte mich wütend und traurig, Ähnliches hatten wir schon in Kenia erlebt. Als eine riesige Herde Ankole-Rinder vorübergehend den Weg versperrte und sich ihr Aufpasser kaum darum scherte, war ich fast schon sauer auch auf die Tiere. Aber sie können natürlich gar nichts dafür.



Als wir weiter nach Westen kamen, verschwanden die Zäune. Doch das Thema blieb bei uns hoch - bis ans Ende dieser Reise.

Die Landschaft änderte sich, wieder mehr Sumpf ...









... dann wurde es immer bergiger und fruchtbarer, je näher wir dem Lake Bunyonyi in 1.950 Metern Höhe kamen. Die Piste zum See führte schließlich durch Steinbrüche, die schönen Berge waren voll klaffender Wunden und manchmal fast zur Hälfte verschwunden.

Die Männer und Frauen trugen den Fels per Hand ab, andere klopfen Steine klein, eine mörderische Arbeit, wir sparten uns Fotos und die fast schon zur Gewohnheit gewordene Winkerei. Kinder waren auch dabei, ob sie ernsthaft arbeiteten oder nur an der Seite der Mutter waren, wissen wir nicht.

Dann rollten wir hinunter zu unserem Hotel direkt am Ufer des Sees. Szenenwechsel. Toll die Lage und auch der Blick übers Wasser.





Birdnest Lake Bunyonyi, der Name war Programm, überall Nester in den Bäumen und Reiher, die geschäftig hin und her flogen.





Wir checkten ein und packten schnell aus, viel Zeit hatten wir nicht, sondern noch einen Nachmittagsplan. Beim Bootsanleger direkt am Steg vor dem Hotel trafen wir Peter und einen Guide, dann startete unsere Tour über den See.

Der Lake Bunyonyi ist eine beliebte Feriendestination und der einzige See in Uganda, in dessen Wasser es keine Hippos, Krokodile oder Bilharziose gibt. Baden ist also erlaubt. Die steilen, meist kultivierten grünen Hänge sind eine hübsche Kulisse, ebenso wie die 29 Inseln im mittleren Teil des 25 Kilometer langen und sieben Kilometer breiten Gewässers.

Bunyonyi bedeutet "Ort der vielen kleinen Vögel", ...







... vor allem Webervögel waren zahlreich vertreten und manchmal sogar per Anhalter unterwegs.



Auf einer kleinen Insel legten wir an, still und dicht bewachsen, ein Naturparadies. Es gibt ein zentrales Haus und dazugehörige Safarizelte, das wirkte einladend, aber auch ein wenig verlassen. Der kleine Rundgang zwischen Bäumen und Schilf gefiel uns gut, überall Sunbirds und eine schöne Stimmung.

Bronzy Sunbird




Wir fuhren an einer winzigen Insel vorbei, in ihrer Mitte nichts als ein dürrer Baum. Akampene, die Insel der Bestrafung, ich hatte noch nie davon gehört. Einst verbannten die Bakiga unverheiratete Mädchen hierher, die schwanger waren und so Schande über ihre Familie gebracht hatten. Entweder sie verhungerten oder wurden von einem Mann gerettet, der zu arm war, um den Brautpreis zu zahlen. Ich starrte auf diese kleine Insel und fasste es kaum. Mir fehlte die Phantasie, um mir das auszumalen, die Nöte, die Ängste, die Ungerechtigkeit - es war vielleicht ganz gut so.

BBC News - Uganda's Punishment Island: 'I was left to die on an island for getting pregnant'

Auf der größeren Nachbarinsel hatte es ein Lepra-Behandlungszentrum gegeben, bis zu 5.000 Patienten aus ganz Ostafrika lebten hier. Erst Mitte der 1980er-Jahre, als es entsprechende Medikamente gab, konnten sie die Insel verlassen. Heute ist das Gebäude ein Internat.

Es war eine schöne, interessante und manchmal erschütternde Tour, und auch über das Los der verbannten Frauen sprachen wir noch sehr lange.



Birdnest Lake Bunyonyi
Letzte Änderung: 09 Sep 2024 21:59 von Beatnick.
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11 Sep 2024 22:01 #693744
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11.1.24: Nach Bwindi und auf den Berg

Am Morgen frühstückten wir auf der großen Terrasse direkt am See. In der Nacht hatte es genieselt, doch nun kam die Sonne durch. Sunbirds huschten von Blüte zu Blüte, direkt vor unserer Nase, aber blitzschnell. Das Rührei wurde mal wieder zur Nebensache und auch ein bisschen kalt.

Red-chested Sunbird


Kulinarisch verpassten wir eh nicht viel, doch die Lage am See war toll ...



... und auch die vielen Nester in den Eukalyptusbäumen. An den Reihern führte kein Weg vorbei, nicht am Geschnatter und nicht an ihrer Präsenz.

Black-headed Heron




Geschäftig flogen sie kreuz und quer, von Baum zu Baum und kehrten mit schwerem Gepäck nach Hause zurück.



Thomas war im Fotofieber, ich drehte noch eine Runde im Garten und sammelte ihn dann wieder ein. Wohl gerade noch zur rechten Zeit, sein Arm war schon lahm und der Nacken steif.





Dusky Flycatcher


Beim Parkplatz dann noch African Blue Flycatcher ...,





... es hörte irgendwie niemals auf.



Dann fuhren wir los gen Westen. Hügel, Berge und fruchtbares Land, weiter ging es nach oben. Die Farmer säten aus, eigentlich zu früh, aber der Regen passte. Käme nun eine Trockenperiode, wäre alles vorbei, die Ernte dahin. Keine Frage des Preises, sondern des Überlebens, der Bauernkalender gilt auch hier nicht mehr verlässlich.



In den Dörfern rund um den Bwindi Impenetrable Forest läuft es anders als im Norden. Dort hatten sich die Kinder arglos über unseren Anblick gefreut. Hier taxierten sie uns, checkten die Lage, manche versuchten zu betteln, wenn auch verhalten.

Das war schon einmal offensiver gewesen und schließlich so schlimm, dass die Kinder aus Frust Steine warfen, wenn sie nicht bekamen, woran Touristen sie gewöhnt hatten. Gut gemeint von den Touris, aber in der Konsequenz eine gefährliche Sache und für Peter sowieso zuviel.

Er sprach mit seinen Guide-Kollegen, organisierte eine Initiative und nahm Eltern und Dorfbewohner in die Pflicht. In Uganda sind die Älteren im Dorf ebenso für die Kinder verantwortlich wie die Eltern, tragen also ihren Teil zur Erziehung bei. Wer nun also Kinder beim Betteln oder beim Steine werfen erwischte, schritt ein. Das machte vieles besser, löste die Probleme aber nicht ganz. Denn natürlich heizen viele Touristen das Fehlverhalten der Kids immer wieder aufs Neue an.

Wir landeten auf einer lehmigen, kurvigen Piste, fuhren langsam aufwärts. Manchmal stiegen wir aus und gingen auf Entdeckungstour. Tiefe Täler, Wesen vom anderen Stern und natürlich wieder Vögel.

Cinnamon-chested Bee-eater








L Hoest's Monkey




Noch ein letztes kleines Dorf, dann waren wir am Ziel. Das Ruhija Gorilla Mist wird von der Community betrieben. Rustikale Hütten und ein herrlicher Blick, günstig ist in Bwindi wahrscheinlich nichts, man zahlt vor allem die abgeschiedene Lage.



Die hat viel für sich, vor allem absolute Ruhe, nur ein kleiner Vogel machte Alarm, wir folgten seiner aufgeregten Stimme.

Olive sunbird


Der Wonneproppen kriegte den Hals nicht voll und flippte mächtig aus, sobald der Nachschub kam.





Dann kehrte wieder Ruhe ein, fielen ihm fast die Augen - bis zum nächsten Mal.





Wir spazierten durch den Garten, es gab einiges zu sehen, nach großen Aktionen war uns nicht. Vielleicht ein Fehler. Der Ruhija-Sektor in Bwindi ist ein Eldorado für Vogelbeobachtungen. Das war uns irgendwie entgangen. Doch der Nachmittag war schön, wir entspannten, schlenderten herum, genossen die Sonne.

?


Juvenile African Harrier-Hawk


African Thrush


Peter fuhr zur Rangerstation, ein Briefing für das Trekking am nächsten Tag. Welche Gäste sind wie fit, wer traut sich welche Strecke zu. Wir gaben "mittel" an und waren gespannt.

Abends wurde es frisch in gut 2.300 m Höhe, wir gingen früh ins Bett. Dort war eine heiße Wärmflasche eine schöne Überraschung und äußerst hilfreich dazu, sie wärmte bis zum Morgen. Der war speziell, denn ich fühlte mich ein wenig aufgeregt, nur warum? Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und setzte mich auf - Gorilla-Tag! Schlagartig war ich wach.



Letzte Änderung: 11 Sep 2024 22:12 von Beatnick.
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04 Okt 2024 14:48 #694778
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12.1.24: Berge + Gorillas = Berggorillas

Kurz vor Sonnenaufgang trafen wir Peter beim Frühstück, aber mehr als ein Tee zum Aufwärmen und zwei kleine Pancakes waren für mich nicht drin. Ich bin kein früher Esser. Vor allem aber war ich ziemlich aufgeregt, was mich selbst überraschte. Warum war das hier anders als ein Gamedrive? Oder ein Schimpansen-Trekking?

Bis heute weiß ich die genaue Antwort nicht. Aber vielleicht spielte auch eine gewisse Rolle, dass wir nicht wussten, was uns an Herausforderung erwartete. Wie fit würden wir sein? Und was, wenn nicht fit genug? Wo würden wir die Gorillas entdecken? Mit guter Sicht oder inmitten des Dickichts? Immerhin, dass wir leer ausgehen würden, war höchst unwahrscheinlich. Aber war vielleicht ein Baby dabei? Ich wünschte es mir insgeheim, obwohl ich es mir eigentlich verbot. Wir mussten es nehmen, wie es kam, wie immer in der Natur. Und uns eben anstrengen. Punkt.





Bis zum Gate und zur Rangerstation war es mit dem Auto nur ein Katzensprung. Auch viele Batwa waren dorthin unterwegs, einheimische Waldbewohner, die heute vom Gorilla-Tourismus profitieren.

Am Treffpunkt herrschte reges Treiben. Eine fröhliche Anspannung, ich mochte das, war selbst elektrisiert. Viele Touristen, in ähnlicher Kluft wie wir, Wanderschuhe, Gamaschen, Rucksack. Fast alle hatten Handschuhe, wir nicht, wir liehen welche aus mit dicker Gummi-Innenfläche für fünf Dollar pro Nase.

Es geht dabei nicht nur um Dornen, in die man fassen könnte, sondern auch um Giftpflanzen, daher auch die langen Ärmel. Ich bin Allergikerin oder auch - wie meine Mutter zu sagen pflegte - total überzüchtet und folgte brav dem Rat der Experten. Später rutschte ich ein paarmal aus und war froh, dass ich sie hatte.



Die Anmeldung lief reibungslos, da steckt Routine drin und auch Profession. Nach dem Check-In durch Peter gingen wir den Hügel hoch, eine Tanzaufführung der Dorfbewohner, wir sind nicht gerade Fans davon, doch das gefiel uns ganz gut, weil es so authentisch wirkte. Es folgte das Briefing durch eine schlagfertige Rangerin, die später zufällig unsere war, zum Ablauf und zu Verhaltensregeln. Dann schnappten wir uns einen langen Wanderstab und wurden in Gruppen von jeweils Acht unterteilt.

Unsere Gorilla-Familie hieß Kyaguriro, das sagte mir natürlich nichts, doch sie war lange Forschern vorbehalten gewesen. Rangerin Goreth gefiel mir gut, tough, zupackend und humorvoll, sie würde eine gute Anführerin sein. Auch unsere Gruppe war sehr nett, darunter zwei amerikanische Senioren, beide 78, und ihr erwachsener Enkelsohn, der Michael hieß und damit wie sein Großvater.

Wir heuerten einen Porter an, vor allem für mich. Die einheimischen Träger helfen im unwegsamen Gelände nicht nur beim Tragen des Rucksacks, sondern auch bei schwierigen Passagen. Abseits des Tourismus treiben sie die Gorillas mit Umsicht zurück, wenn sie sich zu weit vom Berg herunter- oder zu nah an die Dörfer wagen. Die 20 Dollar (plus Trinkgeld) sind also in mehrfacher Hinsicht gut investiertes Geld, nicht zuletzt ins Dorf und seine jungen Leute.

Die Jobs sind rar und sehr begehrt, die Ranger achten darauf, dass die Porter reihum drankommen und es gerecht zugeht. Anaclet, ein schmaler, drahtiger Kerl mit sanftem Gemüt war ein hervorragender Gefährte und achtete sorgsam erst auf mich und später dann auf Thomas.

Dann endlich ging es los, zumindest fast, denn wir fuhren noch zehn Minuten mit dem Auto. Wir sagten Peter adieu und stiegen in einen schmalen Pfad ein, der steil nach unten führte. In meiner Vorstellung lief man zu den Gorillas immer bergauf, aber das ist natürlich Quatsch.



Bwindi Impenetrable Forest, der undurchdringliche Wald, machte seinem Namen alle Ehre. Der kleine Trampelpfad verlor sich schnell im Nichts. Der Boden war bedeckt von dichtem Grün, ich konnte nicht erkennen, wohin ich trat, und setzte die Füße bewusst auf dicke Stengel. Leider die falsche Taktik, denn es hatte in der Nacht stark geregnet, nun waren sie rutschig wie Schmierseife. Gleich dreimal landete ich auf dem Hosenboden - aber auch weich auf einem Bett aus Farnen, Blättern und Moos.

Ich war froh über den Stab, der mir nicht nur Halt verlieh, sondern mit dem ich auch nach möglichen Löchern im Boden tastete. Und natürlich über Anaclet, der mir seinen starken Arm lieh, wann auch immer es nötig war. Irgendwann hatte ich den Bogen raus und es lief sich sehr viel besser. Die wilde Natur um uns herum war atemberaubend und ich genoss jeden Schritt in diesem ungezähmten Grün. Manchmal half nur noch die Machete unserer Begleiter.

Wir kamen ziemlich gut mit, auch, weil das Tempo notgedrungen überschaubar war. Die ältere Dame hatte trotz der Hilfe ihrer Porterin, die Schwerstarbeit verrichtete, allergrößte Mühe mit dem schwierigen Terrain und brauchte zusehends Pausen. Ehrlicherweise hatte ich schon oben größte Zweifel gehabt und fand das alles keine richtig gute Idee. Nicht, weil wir langsamer vorankamen - das war uns sogar ganz recht. Sondern weil nicht zuletzt die Rangerin schwer in die Bredouille kam. Mehr als einmal war sie kurz davor, den "Uganda helicopter" zu rufen; Männer mit einer Art Sänfte, die einen im Notfall bergen (Kostenpunkt: 400 Dollar). Michael junior beschwichtigte jedes Mal, seine Oma würde das schon schaffen. Michael senior machte seine Sache soweit ganz gut.

Die Tracker, die sich am Morgen auf die Suche nach der Gorilla-Familie gemacht hatten, antworteten uns manchmal einigermaßen aus der Nähe, dann klangen sie wieder weiter entfernt. Die Lösung lag auf der Hand: Die Gorillas, eigentlich nicht unbedingt die Sportler unter den Primaten und oft mit überschaubarem Bewegungsradius, waren im Wald unterwegs - und wir mussten ihnen folgen.

Ich war mittlerweile im Flow und hatte Zeit und Raum verloren, da stand plötzlich jemand im Wald. Die Tracker begrüßten uns mit einem Lächeln, Anaclet nahm mir den Rucksack ab, ich schnappte die Kamera und meine Maske, die wir nun aufsetzen sollten. Nur langsam setzte sich bei mir die Erkenntnis: Wir waren am Ziel.

Die Porter blieben zurück, wir liefen weiter, ohne den Stock, den wir nicht mitnehmen konnten. Nun merkte ich, wie sehr er im steilen Gelände und auf dem zugewucherten Boden geholfen hatte. Egal, der Fokus lag woanders, der Tracker zeigte auf etwas, ich schaute intensiv, sah Bäume, hm. Dann eine Bewegung und mich durchzuckte es wie ein Blitz - da waren sie ja! Die schwarzen Giganten kletterten gerade von den Baumriesen herab, so behände, als wäre das nichts.







Die Gorillas verteilten sich über den Hang, Frühstückszeit. Ich fühlte mich wie im Schneegestöber, wohin nur zuerst gucken?

Ranger und Tracker halfen, führten uns an die Tiere heran. Manche kamen von ganz allein, aus Neugier oder wie zum Machtbeweis, ihr seid hier nur geduldet.







Ein junges Männchen wirkte grimmig und motzte uns an, die Rangerin war auf der Hut. Ich hockte mich instinktiv hin, machte mich kleiner, doch Michael junior schaltete nicht. Goreth riss ihn nach unten und zur Seite, und kaum war der Weg frei, marschierte der Gorilla mit verächtlichem Blick an uns mickrigen Menschen vorbei.



Ansonsten zeigten sich die Gorillas sanft und friedlich, und ich fühlte mich in ihrer Nähe sehr wohl. Wie zu Gast bei Freunden, wohl wissend, dass sie die Hausregeln machten. Es ist ein Privileg, bei ihnen und für einen Moment in ihrer Mitte akzeptiert zu sein, das spürte ich jede Sekunde. Und auch eine große Dankbarkeit, dass mir das möglich war.





Der Silberrücken saß einigermaßen verborgen im Busch, die meisten standen bei ihm, doch ich schaute mich lieber weiter um. Vielleicht bekämen wir ja später eine bessere Sicht - und in Mgahinga ja auf jeden Fall eine zweite Chance.

Ein Tracker nahm mich am Arm und führte mich den Hügel hinauf, dort saß eine Gorilla-Dame, auf einem Auge offenbar blind. Sie schaute freundlich und stopfte wie ihre Artgenossen haufenweise Blätter in sich hinein, erst mit Verzögerung bemerkte ich, sie war nicht allein.



Ein Baby lugte hinter ihr hervor, blickte neugierig auf uns und die Welt. Thomas war zu mir gestoßen und wir bestaunten das kleine Wesen, dessen Kopf bedenklich wackelte, als es sich in die Höhe reckte und uns über die störenden Blätter hinweg in Augenschein nahm.



Das Kerlchen war drei Monate alt und ich verlor sofort mein Herz, auch Thomas war im Babymodus.





Schließlich zog sich die gesamte Gruppe weiter in den Wald zurück, nun wurde gechillt. Was für ein Familienidyll! Ein Dreijähriger turnte auf dem Silberrücken herum, der das geduldig geschehen ließ, andere dösten zufrieden vor sich hin.



Nur der Dreijährige hatte Energie im Überschuss, turnte herum, kletterte auf dünne Äste und schwang auf ihnen, bis einer brach und er hinunterpurzelte.









Das Baby saß bei der Mutter und wollte das auch, griff nach einem dürren Zweig. Aber noch war es zu klein und wackelig auf den Beinen.





Mit großen Augen beobachtete der Kleine uns, wie wir ihn beobachteten, immer dicht bei Mama, für ihn noch immer der beste Platz.







Schließlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter, gut eine Stunde war vorbei - Zeit zu gehen. Sie war verflogen aber auch so intensiv, dass sie mir kurz und lang vorkam, alles zusammen.

Ich war randvoll mit Eindrücken, zudem war in dem steilen Hang allein schon die unentwegte Steherei in der Schräge anstrengend gewesen. Nun zitterten mir leicht die Knie.

Wir kehrten zu den Portern zurück, Anaclet freute sich über unsere Begeisterung. Viel stiller als zuvor machten wir uns auf den Rückweg, hingen unseren Gedanken nach.



Es fiel mir viel leichter, den Berg herauf als herunter zu laufen, ich hatte sogar großen Spaß daran, und da es bei Thomas umgekehrt war, unterstützte Anaclet nun ihn. Die Dame aus den USA brauchte nun viel mehr als nur die Hilfe ihrer Porterin, die von hinten schob, während der Enkel, ein junger Kerl wie ein Baum, von vorne hob und zog. Michael senior machte als Schlusslicht weiter tapfer mit, war aber blass um die Nase und brauchte Unterstützung von Ranger und Porter.

Zwischendurch setzten wir uns in die federweichen Farne und plünderten unsere Vesperboxen, die wir von unserer Unterkunft mitbekommen hatten. Mit den Gedanken bei den Gorillas mümmelte ich zufrieden vor mich hin.

Ein paar Schritte noch, dann standen wir schließlich wieder auf dem Weg, wo sechs Stunden zuvor unser Abenteuer begonnen hatte. Als wir zur Rangerstation zurückkehrten, waren die anderen Gruppen schon längst über alle Berge. Wir waren mit Abstand am längsten unterwegs gewesen, die anderen Gorillagruppen waren teilweise schon nach 20, maximal 60 Minuten gefunden worden.

Ich fühlte mich angenehm kaputt und fand eigentlich ganz schön, dass wir uns die Gorillas hatten erarbeiten müssen. Dass unsere Senioren nun ausgerechnet in dieser Gruppe gelandet waren, war sicherlich Pech, aber vielleicht auch unvorsichtig, wenn nicht gar unverantwortlich gewesen.

Am Ende nahmen aber alle glücklich ihre Teilnehmerurkunde entgegen und unsere fröhliche kleine Schicksalsgemeinschaft löste sich auf.



Zurück in der Lodge nahmen Mitarbeiter unsere lehmverkrusteten Wanderschuhe entgegen, am nächsten Morgen bekamen wir sie erstaunlich blitzblank und trocken wieder. Wir setzten uns mit Peter in einen Gartenpavillon, tranken Kaffee und plauderten über unser tolles Erlebnis. Er hatte sich wie gewöhnlich fortgebildet und die Zeit mit einem Ranger von der Forststation verbracht, der mit ihm auf Birding-Tour gegangen war.

Das österreichische Paar, das ebenfalls am Morgen zu den Gorillas aufgebrochen war, wunderte sich, dass wir erst jetzt auftauchten, sie waren schon vor Stunden zurückgekommen. Wir hatten am Morgen und am Vortag mehrfach versucht, mit ihnen höflich ins Gespräch zu kommen, obwohl uns vor allem er mit seinem großspurigen Auftreten nicht unbedingt sympathisch gewesen war.

Doch die Kontaktaufnahme war misslungen, weil offensichtlich keinerlei Interesse bestand, und das ist natürlich völlig in Ordnung. Aber dass er nun unbedingt wissen wollte, wie unser Morgen gelaufen war, machte mich stutzig. Ich hatte keine Lust, zu prahlen oder andere prahlen zu lassen, und so sagten wir nur kurz und knapp: "Wunderbar." Und damit war eigentlich auch das Wichtigste gesagt.

Letzte Änderung: 06 Okt 2024 22:48 von Beatnick.
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06 Okt 2024 18:43 #694944
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13.1.24: Im Dreiländereck

An diesem Tag hatten wir keine großen Pläne, außer von Bwindi zum Mgahinga Nationalpark weiterzureisen. Dort stand am nächsten Tag unser zweites Gorilla-Trekking auf dem Programm, und nach den tollen Erfahrungen des Vortags war ich gespannt, was uns im äußersten Südwesten Ugandas im Grenzgebiet zu Ruanda und zur DR Kongo erwarten würde.

Als wir packten, brachte uns eine Mitarbeiterin unsere blitzblanken Wanderschuhe vorbei. Bedauerlich, dass sie schon 24 Stunden später wieder voller Schlamm sein würden, überlegte ich, freute mich aber trotz etwas müder Knochen schon auf die nächste Wanderung durch wilde Natur. Wir frühstückten gemeinsam mit Peter und verließen dann bei Sonnenschein das Ruhija Gorilla Mist.

Variable sunbird


Unterwegs kamen wir am Startpunkt unseres Trekkings vom Vortag vorbei, die nächsten Gruppen waren nun schon wieder unterwegs. Ich schwelgte in den noch jungen Erinnerungen und streckte genüsslich die Füße unter den Vordersitz. Heute war ich faul.

Wir rollten im Schneckentempo den Berg hinunter und hielten Ausschau nach Tieren, zu dieser frühen Uhrzeit waren die Leute beim Trekking oder noch gar nicht unterwegs. Und so hielten wir mitten auf der Straße und kletterten manchmal auch aus dem Wagen, wann auch immer uns danach war.





Zu sehen gab es immer was, zum Beispiel wieder L'Hoest Monkeys. Eine ganze Familie dieser der Bergaffen zog durch die Wälder, auf der Suche nach Wurzeln, Blumen, Früchten und Insekten.







Einige buddelten emsig und förderten Heimchen zutage, ...







... ein Jungtier fand ein Schneckenhaus, von dem ich nicht genau sagen konnte, ob es noch bewohnt war.





Das Äffchen schnupperte aber intensiv daran und nuckelte dann ausgiebig an dem Gehäuse.





Es machte Spaß, die Tiere zu beobachten, die hauptsächlich in Uganda, Ruanda und der Demokratischen Republik von Kongo vorkommen. Leider sinkt ihre Anzahl durch Waldrodungen und auch Jäger zusehends.





In den Tälern des dichten Waldes hing noch der Morgendunst, doch trotz der Höhe war es angenehm warm. Nachts war es hier oben empfindlich frisch gewesen, über die Wärmflaschen hatten wie uns auch in der zweiten Nacht sehr gefreut.



Cinnamon-chested Bee-eater


Augur Buzzard (Danke Elvira!)


Der Mgahinga Nationalpark liegt nur 60 Kilometer südlich des Bwindi Impenetrable, keine weite Strecke also. Unser Ziel hieß Kisoro, eine kleine Stadt am Fuße der Virunga-Vulkane.

Wir fuhren auf kurvigen, aber guten Straßen durch das fruchtbare und hügelige Hochland, ...



... in der Ferne sahen wir schon die Kegel der erloschenen Vulkane, legendäre Heimat der Berggorillas - und einst auf ruandischer Seite von Dian Fossey. Zwischen dem Muhavura (4.127 m) und Gahinga (3.475) verläuft die Grenze zu Ruanda. Der Sabinyo (3.645) bildet den Schnittpunkt der Grenzen zu Ruanda und zur DR Kongo.



Hier unten waren wir spürbar abseits der ausgetretenen Pfade und bei unserer Ankunft im Ichumbi Hotel auch zumindest an diesem Tag die einzigen Gäste. Die Mitarbeiter überschlugen sich bei unserer Ankunft vor Dienstfertigkeit und Freundlichkeit, ein weiterer Beweis der ugandischen Herzlichkeit.

Yellow Bishop


Viel zu tun gab es in diesem mittelgroßen Hotel nicht; ein nicht weiter erwähnenswerter - weil nur spärlich bewachsener - Garten, ein großer Pool, den wir aber kaum nutzten, dafür leckerer Masala-Tee und ein sauberes Zimmer mit richtig heißer Dusche. Den Nachmittag verbrachten wir damit, Fotos zu sichern und zu lesen. Das war bislang ziemlich zu kurz gekommen.

Abends begann es wieder heftig zu regnen und wurde richtig frisch. Nach dem Abendessen kuschelte ich mich in die weiße Hotelbettwäsche und hoffte insgeheim, dass wir nicht im strömenden Regen auf die Suche nach den Gorillas gehen müssten. Beim ersten Mal hatten wir Glück gehabt. Was uns wohl diesmal erwarten würde?

Letzte Änderung: 07 Okt 2024 18:03 von Beatnick.
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14.1.24: Die Gorillas von Mgahinga

Die Nacht war bedauerlich kurz, denn wie in Bwindi begann das Gorilla-Trekking sehr früh am Morgen. Anders als in Bwindi mussten wir allerdings eine Weile zum Startpunkt fahren und das die letzten Kilometer auf einer Straße, die den Namen nicht verdiente. Peter drängte also zu Recht zur zeitigen Abfahrt.



Man hatte uns beim Einchecken gesagt, dass im Hotel nachts der Strom abgestellt, um 4 Uhr aber wieder aktiviert werden würde. Um 4.45 Uhr saßen wir jedoch im Stockdunkeln. Denn nicht nur, dass keine der Lampen funktionierte, draußen schüttete es auch wie aus Kübeln in einer tintenschwarzen Nacht.

Wir versuchten, uns im funzeligen Schein unserer Taschenlampe fertigzumachen, doch weil die Ergebnisse zäh und zudem äußerst überschaubar waren, schnappte ich mir das schwache Licht und taperte damit in Richtung Rezeption. Vielleicht war ja irgendwo schon ein Mitarbeiter im ansonsten verwaisten Hotel unterwegs.

In der kleinen Lobby scheuchte ich ungewollt zwei Katzen auf, wir erschreckten uns gegenseitig fast zu Tode. Hinterm Desk sah ich schemenhaft eine Person sitzen, die zu schlafen schien. Ich versuchte etwas zaghaft, mich bemerkbar zu machen, dann deutlicher, doch sie rührte sich nicht. Au man. Ich stapfte also nunmehr fest entschlossen hin, um zur Not an der Schulter zu rütteln, doch daraus wurde nichts. Jemand hatte seine Jacke und eine Schirmmütze über den Stuhl gehängt, was aus der Distanz und im Schummerlicht wie ein Mensch ausgesehen hatte. Puh. Ich fühlte mich wie im Overlook-Hotel und rechnete jeden Moment damit, dass Jack Nicholson mit einer Axt um die Ecke bog.

Als ich leicht frustriert und unverrichteter Dinge zu unserem Zimmer zurückkehrte, gingen plötzlich wie von Zauberhand alle Lichter an. Geht doch! Rechtzeitig wurden wir fertig und trafen Peter beim Frühstück, das wieder einmal viel zu früh für mich kam. Ohnehin war der Morgen kühl und regnerisch und bislang ein überschaubares Vergnügen. Ich war längst nicht so aufgeregt wie vor dem ersten Gorilla-Trekking und hoffte vornehmlich, dass der Regen etwas nachlassen würde.

Doch das war zunächst nicht der Fall. Wir fuhren in Richtung der Virunga-Vulkane an der Grenze zu Ruanda, erst auf guter und dann auf holpriger Straße, die eigentlich keine war, sondern einfach nur (nicht besonders glatt) geschliffener Fels. Es rumpelte gewaltig auf der einzigen Strecke, die ich während der gesamten drei Wochen niemals hätte alleine fahren wollen.



Wir konnten wetterbedingt nicht nah an den Startpunkt des Trekkings heranfahren, und so stand direkt zu Beginn ein giftiger Anstieg dorthin an. Ich zog meine Regenhose über und wir machten uns auf den Weg. Nur mühsam wurde es etwas heller.

An der Forststation ging es ähnlich zu wie in Bwindi, nur alles ein paar Nummern kleiner. Die Einheimischen tanzten, wir meldeten uns an, buchten jeder einen Porter und lernten unsere Mitstreiter kennen. Ein deutsches Ehepaar und ein Amerikaner, wir waren nur zu Fünft. Wie in Bwindi sind eigentlich acht Besucher pro Trekking erlaubt, aber hier zeigte sich schon der erste große Unterschied: Mgahinga ist nicht so überlaufen wie Bwindi.





Ein zweiter ist die Anzahl der Gorilla-Familien, in Mgahinga gibt es nämlich nur eine, zumindest nur eine habituierte. Eine zweite war zwischendurch einmal aus Ruanda herübergekommen, dann aber wieder dorthin verschwunden, und damit die ugandische Gruppe nicht auf dieselbe Idee verfiel, wurde ihr Lebensraum vor Jahren noch einmal vergrößert. Ich fand das eine ziemlich gute Idee und kam auch langsam auf Touren, denn als wir losmarschierten, hatte der Regen endlich aufgehört und es wurde wärmer und hell.



Es war eine wunderschöne Wanderung, die auf einem schmalen Trampelpfad hügelaufwärts durch unberührte Natur führte. Unter uns sahen wir die Dächer der Dörfer und in der Ferne das Wasser des Lake Bunyonyi immer weiter entschwinden.



Die Landschaft an den Hängen der Vulkane ist offener als in Bwindi, der Weg weniger fordernd. Die Hilfe der Porterin benötigte ich kaum einmal; nicht unbedingt ein Spaziergang, aber auch keine riesige Herausforderung. Wir kamen alle problemlos mit, nur einer der Gäste landete regelmäßig im Schlamm, weil er in demselben immer wieder verhängnisvoll ausrutschte. Er nahm es mit Humor und da er vor mir lief, umschiffte ich die entsprechenden Stellen und suchte mir einen Weg um den Schlamassel herum.

Und dann waren wir nach gut einer Stunde schneller und müheloser am Ziel als nach unserer Bwindi-Erfahrung erwartet. Wir ließen Rücksäcke und Wanderstäbe zurück, setzten uns die Masken auf und gingen die letzten Meter, die uns direkt zu Mark führten, dem Kopf der Gruppe. Ein Silberrücken und dann so nah - was für ein toller Start. Wie gigantisch groß er doch war, als er sich zur vollen Größe aufrichtete, um Blätter vom Strauch zu pflücken.





Die Familie war über eine Lichtung verstreut, in der offenen Landschaft sehr leicht zu beobachten und wir mussten auch nicht in der extremen Schräge stehen, sondern konnten problemlos zwischen den Tieren hin- und hergehen.



Auch in den Sträuchern mit weitem Blick über das Tal saßen mehrere Gorillas und mampften munter vor sich hin. Eine atemberaubende Million-Dollar-View, die sie sicher nicht interessierte.









Wildnis und die sogenannte Zivilisation schienen nur einen Katzensprung voneinander entfernt und gut miteinander zu harmonieren. Die blauen Dächer des Pygmäen-Dorfes unter uns erinnerten uns allerdings daran, dass das Naturvolk wie in Bwindi auch zum Schutz der Gorillas seine Heimat hatte verlassen müssen - und somit seine Identität und seine Existenzgrundlage verlor.

Anfangs blieben wir alle bei Mark, der einen sehr friedlichen Eindruck machte, nur einmal touchierte er absichtlich einen der anderen Touristen mit seinem imposanten Hinterteil, als er auf der Suche nach einem neuen Frühstücksstrauch an ihm vorbeiging. Ein klares Signal: Ich bin hier der Boss. Das hatten wir aber ohnehin schon gewusst.





Wir verteilten uns über die Lichtung, ich blieb als einzige beim Chef, der seine Mahlzeit nun beendet hatte und zum gemütlichen Teil des Tages überging.



Ich hockte mich ins noch feuchte Gras, was nichts ausmachte, denn es war warm geworden und die Sonne setzte sich zusehends durch. Ich fragte mich, was er wohl dachte - und ob er sich wohl dasselbe fragte. Er betrachtete mich jedenfalls genau, wenn auch ziemlich unaufgeregt, und ich begann eine Art Unterhaltung (was fraglos ziemlich blödsinnig war).



Weiter oben am Hang tauchte ein weiterer Silberrücken auf und dann schließlich noch einer, sie sind insgesamt drei und verstehen sich offenbar gut.





Möglich aber, dass sich die Gruppe irgendwann teilt, wenn die Population weiter wächst.



Einer der Tracker holte mich ab und führte mich hinüber zu Thomas und dem Rest unserer Gruppe, dort hockte Marks jüngster Sprössling auf einem Busch, von dem ich mich fragte, wie er eigentlich das Gewicht von gleich zwei Gorillas tragen konnte.



Denn der Dreijährige war nicht allein. Er schmuste mit seiner älteren Schwester, beide herzten, küssten und knuddelten sich.







Das alles wirkte nicht nur anrührend, sondern auch überaus menschlich.



Dann änderte sich die Gangart, und der Kleine tobte zusehends wild herum; rüttelte seine Schwester an den Schultern, zog sie an den Haaren und sprang auf ihr herum. Man ahnte, welche Kraft schon in ihm steckte.



Sie wehrte sich freundlich, aber bestimmt, kam aber kaum an gegen den ungestümen Nachwuchs an, der sich offenbar von uns als Publikum noch angestachelt fühlte.



Ein paarmal trommelte sie sich auf die Brust, wohl um zu demonstrieren, dass sie die Ältere ist und somit die Hosen anhat. Das klappte leidlich, am Ende hatte sie ihre Ruhe, weil der Bruder zur Mutter eine Etage tiefer kletterte.

Es war großartig, zwischen den verschiedenen Tieren umherwandern zu können. Weil das Gelände offen war, fiel es leicht, zwischen ihren Standorten zu wechseln. Oft war ich ganz allein mit einem der Gorillas. Ein ungeheures Privileg und eine intensive Erfahrung. Es war klar, dass sie auch uns wahrnahmen. Aber alles in allem gingen sie einfach ihrem Alltag nach.









Schließlich versammelten sich die meisten Tiere im hohen Gras, und es wurde gemütlich gechillt. Unsere Uhr war abgelaufen, aber weil wir so wenige waren, bekamen wir ein paar Minuten auf die zugestandene Stunde obendrauf.







Dann verabschiedeten wir uns fröhlich, aber auch etwas wehmütig von den Gorillas, denn für Thomas und mich war es wohl ein Abschied für immer. Die beiden Gorilla-Trekkings waren ein - wenn auch kostspieliger - voller Erfolg gewesen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Situationen. Das sollte für ein Leben reichen. Die Erinnerungen sind grandios und bleiben.



Die Wanderung führte auf demselben Weg hügelabwärts zurück und war relativ leicht. Wir sahen jede Menge Sunbirds, Chamäleons und einen Duiker und so war die Stimmung gelöst, als wir Peter wiedersahen.



Wir hatten für diesen Tag keine weiteren Pläne und cruisten noch ein wenig auf kurvigen Landstraßen durch die herrliche Gegend.

Peter und Thomas stiegen irgendwo aus, um zu fotografieren, doch ich war faul und blieb im Auto. Ich schloss die Augen und streckte meine müden Glieder von mir, wenn auch nur kurz, denn binnen Sekunden hatte sich eine Kinderschar versammelt, die mich mit Fragen löcherte. Sie waren freundlich und neugierig und ich fragte sie, ob sie zur Schule gingen, wenn auch nicht an diesem Tag, denn es war Sonntag.

Die älteren Kids bejahten, ein etwa Zwölfjähriger und ein nur wenig älteres Mädchen waren besonders wissbegierig und ich fragte, was sie einmal werden wollten. Arzt und Krankenschwester, ein Klassiker auch bei der Geschlechtertrennung, aber wenn es so käme, wäre es sicher eine tolle Sache.

Ich merkte sehr wohl, dass sie das Auto scannten, und schließlich kam es, wie es kommen musste, sie fragten höflich, ob sie Geld bekommen könnten und auch die Bonbons neben dem Fahrersitz. Die gehörten Peter und ich konnte nicht darüber entscheiden, auch beim Geld blieb ich hart und sagte Nein. Ich erklärte ihnen, dass sie ihre Ziele weiter verfolgen sollten und wenn sie das täten, würden sie ihr eigenes Geld verdienen und müssten nicht mehr andere darum bitten.

Sie nahmen das hin, was sollten sie auch sonst tun. Es fiel mir nicht leicht, nicht nachzugeben, denn es waren wirklich nette Kinder und ich fand ich klang altklug und auch überheblich mit der schnieken Sonnenbrille auf dem Kopf und der dicken Kamera im Schoß.

Ich überließ ihnen die beiden leeren Wasserkanister, nach denen sie fragten und als Peter und Thomas schließlich zurückkehrten, war ich auch ganz froh, dem Drängen zu entkommen. Peter steckte seine Bonbons ins Handschuhfach, er war immun gegen alle Anfragen und später auch zufrieden mit meinem Verhalten. Ich hoffe sehr, dass die Kinder eine gute Zukunft haben und auch eine ohne Bettelei.



Zurück am Hotel gerieten wir in eine Hochzeitsgesellschaft, lauter junge Leute mit fetten Karren, sie machten Fotos am Pool. Da war viel Geld im Spiel, man konnte es sehen, so extreme Unterschiede binnen kurzer Zeit. Die Frauen waren schwer aufgetakelt und schauten etwas verächtlich auf meine Trekking- Klamotten, ich konnte damit leben. Ich trank meinen Masala-Tee und plauderte eine Weile mit einer sehr netten Hotel-Angestellten, und irgendwie flog auch dieser Tag nur so vorbei.

Abends packten wir unsere Sachen zusammen, am nächsten Tag würden wir die Gegend um Mgahinga verlassen. Doch bevor das geschah, stand noch eine Aktivität auf dem Programm, auf die wir uns sehr freuten - auch wenn wir keineswegs wussten, was uns eigentlich erwarten würde.
Letzte Änderung: 02 Nov 2024 16:19 von Beatnick.
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