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Hallo ihr Lieben,
nach arbeitsintensiven Monaten möchte ich nun endlich den Reisebericht über unsere Uganda-Tour im Januar schreiben. Wir hatten Uganda sehr lange nie wirklich in Erwägung gezogen, aber Freunde hatten 2019 ihre erste Afrika-Reise überhaupt dorthin unternommen und waren sehr angetan. Die Fotos zeigten ein anderes Afrika als das, was wir bislang bereist hatten, sehr grün und auch die Tierwelt sehr variantenreich. Natürlich hatte ich als Kind der 80er-Jahre im Kino mit den "Gorillas im Nebel" gelitten und geweint und anschließend auch Dian Fosseys Buch gelesen. Es war aber vor allem Thomas, der Berggorillas auch einmal in Natura sehen wollte. Nun ist es nicht so, dass ich mich dagegen wehrte, ich hatte mich nur einfach nie ernsthaft mit dem Gedanken befasst - und auch nicht damit, was man wohl als Programm rund um die Hauptattraktion stricken würde. Unsere Freunde, mit denen wir auch schon eine gemeinsame Campingreise in Namibia unternommen haben, waren eine große Hilfe, vor allem aber kannten sie eine kleine Agentur in Uganda, die sie uns empfahlen. Ich las mich also ein bisschen schlau und wandte mich dann vertrauensvoll an das Ein-Mann-Unternehmen, das lief alles sehr unkonventionell und glatt, sodass wir uns schnell einig waren. Es war klar, dass wir mit einem Driver-Guide unterwegs sein wollten, wir machen das mal so, mal so, aber in Uganda konnten wir schlecht einschätzen, wie die Verhältnisse sein würden und so stellte sich die Frage kaum. Unser Guide Peter stellte sich als Volltreffer heraus, ohne ihn wäre die Reise eine ganz andere geworden, und so spielt er auch in diesem Bericht eine der Hauptrollen. Wir freuten uns sehr auf eine uns noch gänzlich unbekannte Seite Afrikas, auf neue Landschaften, andere Tiere, neue Arten. Natürlich ging es um Gorillas, um Primaten generell. Etwas unverhofft wurde es auch ein Birding-Trip, ohne dass ich allerdings all das bunte Federvieh benennen könnte, das uns in großer Vielfalt begegnete. Der urtümliche Schuhschnabel stand dagegen von vornherein auf unserer Wunschliste. Wir gingen davon aus, dass wir vielleicht nur einmal im Leben nach Uganda kämen, und planten daher zwei Gorilla-Trekkings an unterschiedlichen Orten ein. Zumal uns Agenturinhaber Pirani berichtete, dass Uganda nach und nach die ohnehin schon stolzen Preise an die des Nachbarlandes Ruanda anpassen wolle. Dort musste man (und muss man?) 1.500 Dollar blechen. Wir zahlten noch 700 Dollar pro Person für ein Trekking - kurz nach unserer Rückkehr wurde auf 750 erhöht. Das erste Mal gerieten unsere Pläne ins Wanken, als es Mitte Juni 2023 im Westen von Uganda im Bezirk Kasese ein entsetzliches Massaker an einer Schule gab. Danach erst erfuhr ich von der Verschärfung eines Anti-LGBT-Gesetzes, das homosexuelle Handlungen sogar ggf. unter Todesstrafe stellt. Wir führten viele Gespräche mit Freunden, auch mit einem lesbischen Paar, das kurz zuvor selbst Uganda bereist hatte. Die Meinungen gingen sehr auseinander, ob es nun okay sei, dieses Land dennoch zu besuchen. Am Ende entschieden wir uns dafür, denn nicht miteinander reden und Ab- oder gar Ausgrenzung haben in unseren Augen noch nie geholfen. Die Vorzeichen standen aber schon längst nicht mehr gut, und dann folgte auch noch Mitte Oktober die Nachricht von einem tödlichen Anschlag auf ein britisch-südafrikanisches Paar und ihren Guide im Queen-Elizabeth-Nationalpark. In einer Gegend also nah der Grenze zum Kongo, aber eben in einer touristisch geprägten Zone. Die Zahl der terroristischen Angriffe hatte sich generell in den Monaten zuvor erhöht, vor allem rund um Kasese, meine ohnehin schon ausgeprägte Skepsis wich einem viel stärkeren Gefühl, nämlich dem der Angst. Schweren Herzens sagten wir die Reise ab. Glücklich waren wir damit aber nicht, das Gedankenkarussell drehte sich weiter, wir entschieden, verwarfen, verfolgten virtuell die Reise eines Bekannten, der uns über Maßnahmen berichtete und wie er sich im Land fühlte. Die mutmaßlichen Attentäter waren mittlerweile bei einem weiteren Versuch, nachts den Lake Edward per Boot zu überqueren, zur - so drastisch muss man es wohl sagen - Strecke gebracht worden. Wir sind nicht naiv, uns war klar, dass sie nur Teil etwas Größeren waren, doch um das viele Hin und Her einigermaßen abzukürzen: Nach weiteren Telefonaten mit Herrn Pirani stornierten wir die Stornierung, es flogen aber erst der Ishasha-Sektor und dann in einem weiteren Schritt der gesamte QENP aus der Planung. Die Route wurde dadurch ungewöhnlich, doch das machte uns nun wirklich nichts aus, uns war auf jeden Fall sehr viel wohler damit. Wir investierten die frei gewordenen Tage an anderer Stelle, denn wir konnten die Gorilla-Trekkings nicht verschieben und daher nicht wie zunächst gedacht einfach die Reisezeit kürzen. Am Ende kam diese dreiwöchige Reise heraus: 30.12.23 Flug mit Brussels Airlines via Brüssel und mit Zwischenstopp Kigali (Ruanda) 3 Boma Guest House, Entebbe 1 Masindi Hotel, Masindi (Nähe Budongo Forest) 3 Murchison River Lodge, Murchison Falls National Park 2 Turaco Treetops Lodge, Kibale National Park 2 Mihingo Lodge, Mburo National Park 1 Birdnest Lake Bunyonyi, Lake Bunyonyi 2 Ruhija Gorilla Mist, Bwindi Impenetrable Forest 2 Ichumbi Hotel, Kisoro (Nähe Mgahinga Nationalpark) 1 Arcadia Cottages Lake Bunyonyi, Lake Bunyonyi 1 Mihingo Lodge, Mburo National Park 1 ViaVia Guesthouse, Entebbe (ursprünglich Pineapple Guesthouse) 1 Tageszimmer ViaVia Guesthose, Entebbe 19.1.24 Rückflug 0.30 Uhr Wer nun all das mentale Hickhack im Vorfeld unbeschadet überstanden hat, ist herzlich eingeladen, uns bei unserer Uganda-Premiere noch einmal in der Rückschau zu begleiten. Wir freuen uns über jede Mitfahrerin und jeden Mitfahrer, jeden Kommentar, jede Frage, jede Berichtigung und Ergänzung, jede eigene Anschauung und Erfahrung. Mit dem Ziel Uganda waren wir ja im Vergleich zu anderen hier im Forum eher spät dran. Liebe Grüße und bis hoffentlich bald, Betti |
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Letzte Änderung: 31 Dez 2024 21:29 von Beatnick.
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30./31.12.23: Ein etwas zäher Beginn
Am vorletzten Tag des Jahres ging es noch vor dem Morgengrauen los. Um 4 Uhr morgens war ich viel zu müde, um mir noch weitere Gedanken über Sinn und Unsinn dieser Reise zu machen. Wir flogen mit Sonnenaufgang von Hamburg nach Brüssel ... ... und dann zunächst weiter nach Kigali. Von dort war es nach einer Zwischenlandung nur noch ein letzter Hüpfer nach Uganda. Schon lange waren wir nicht mehr am Tag Langstrecke geflogen, doch das hatte durchaus was für sich, fasziniert blickte ich hinunter auf die schneebeckten Alpen und schließlich auf die bizarren Sandverwehungen der Sahara. Von hier oben sahen sie fast aus wie ein Gemälde, ein surreales Kunstwerk der Natur. Beim Zwischenstopp in Ruanda leerte sich der Flieger fast gänzlich, vielleicht noch zehn bis zwölf Touristen blieben sitzen. Thomas schaute mich vielsagend an. Waren wir etwa Gefahrensucher? Immerhin lief an Flughafen alles glatt, unser Gepäck kam schnell, und Peter, unser Guide für die nächsten drei Wochen, empfing uns mit einem strahlenden Lächeln. Er war uns auf Anhieb sympathisch. Mit Peter im Murchison Falls National Park Durchs nächtliche Kampala fuhr er uns zum Boma Guest House, unserer Unterkunft für die nächsten drei Tage, wo wir in unserem schönen Zimmer direkt ins Bett kippten. Ursprünglich wollten wir nur zwei Nächte bleiben, doch der Flug am 31. Dezember war gestrichen worden. Wir waren daher schon einen Tag früher unterwegs. Das kam uns durchaus gelegen, denn Urlaub hatten wir ohnehin schon. Die Nacht war ziemlich kurz, denn schon am Morgen wollten wir in den Mabamba Swamp, um unter anderem nach dem Shoebill zu suchen. Mit dem Auto fuhren wir zum Ufer des riesigen Lake Victoria und bestiegen ein langes Holzboot, das eindeutig schon besser Tage gesehen hatte. Es war tatsächlich auch außergewöhnlich langsam, wie uns erst am nächsten Tag klar wurde, und in den fast 90 Minuten, in denen wir behäbig quer durch die Bucht zum Feuchtgebiet tuckerten, schöpften wir nicht nur immer wieder Wasser aus dem Boot, sondern bekamen auch einige Tropfen von oben ab. In Uganda hatte es seit August fast täglich geregnet, das Wasser im See stand hoch und der Himmel war grau verhangen. Im Swamp angekommen, stiegen wir von dem einen Holzboot in ein viel kleineres um. Schon unterwegs hatten wir Schreiseeadler, Kormorane, Enten und unzählige Pied Kingfisher beim Fischen beobachtet, aber die Sümpfe mit ihrer dichten Farn- und Papyrusvegetation begeisterten mich sofort. Ein schwimmendes kleines Ökosystem, eine eigene Welt, leider in schlechtem Licht an diesem ersten Tag. Pied Kingfisher Rallenreiher Malachite Wir waren zu Sechst im Boot, Peter und sein Kumpel Herbert, der Guide und der Bootsführer sowie Thomas und ich. Am besten gefiel mir, als wir den knatternden Motor ausstellten und wir mithilfe eines langen Holzstabes durch die schmalen Kanäle glitten. An jedem anderen Ort der Welt würde die Vielzahl seiner Bewohner locker ausreichen, um den Sumpf zu einem hochattraktiven Ausflugsziel zu machen. Purple Swamphen Yellow-billed Duck Lapwing In Mabamba geht es aber natürlich vor allem um den Shoebill, von dem es in der Gegend maximal 20 geben soll. Ich war einigermaßen erschüttert, viele sind das ja nicht, und mir wurde schlagartig klar, wie gefährdet dieser Vogel tatsächlich ist - und auch sein Habitat. In den zwei Stunden im Sumpf sahen wir allerlei unterschiedliche Bewohner, aber leider keinen Schuhschnabel. African Jacana Der junge Guide war bekümmert, das komme nun sehr selten vor und das Wetter sei vielleicht auch zu schlecht. Beides trug nicht unbedingt zur Aufheiterung bei und als wir auf dem Rückweg mit dem größeren Boot auch noch ohne Treibstoff mitten auf dem See liegenblieben, war die Situation so absurd, dass wir schon wieder lachen mussten. Ein anderes Boot brachte schließlich Diesel und Rettung, alles in allem war es ein überschaubarer Auftakt gewesen mit Luft nach oben. Den Nachmittag verbrachten wir vom Morgen und noch vom langen Flug gerädert im Garten am Pool, mittlerweile war es warm und sonnig geworden und die Vögel genossen das Bad in den noch üppig gefüllten Regenrinnen. Plantain-Eater Im Garten des Boma lassen sich wunderbar Vögel beobachten, vor allem Sunbirds, und so waren wir am Ende ganz zufrieden mit dem Tag. Scarlet-Chested Sunbird Blue-headed sunbird Peter hatte sich nicht mehr gemeldet, was a) bedeutete, dass kein Shoebill mehr in den Sümpfen gesichtet worden war - sonst wären wir noch einmal spontan losgefahren. Und b), dass wir am nächsten Morgen einen weiteren Versuch starten würden, sobald ihm die Guides in den Sümpfen eine Sichtung meldeten. Wie unkompliziert und unbürokratisch in Uganda zuweilen Dinge geregelt werden können und die damit verbundene Spontaneität erinnerte mich an längst vergangene Zeiten, als das auch an mittlerweile oft heillos überlaufenen Orten der Welt noch möglich gewesen war. Wir erlebten diese Flexibilität immer wieder auf dieser Tour und genossen sie in vollen Zügen. Am Abend aßen wir gut im Guesthouse und gingen früh ins Bett, es war herrlich friedlich, bis plötzlich die Wände wackelten. Mitternacht, Silvester. Ich hatte es ganz vergessen. Happy new year, dachte ich und freute mich auf den nächsten Tag, Thomas war gar nicht erst richtig aufgewacht. Nach fünf Minuten war der Spuk vorbei und wieder Ruhe eingekehrt, länger ist in Uganda nicht erlaubt. Ganz schön streng, dachte ich. Und war auch schon wieder eingeschlafen. |
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Letzte Änderung: 14 Aug 2024 22:11 von Beatnick.
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1.1.2024: Vogel in Not
An Neujahr frühstückten wir in Ruhe auf der Gartenterrasse und harrten der Dinge, die da vielleicht kommen würden. Um halb neun rief Peter an, er sei demnächst da, um uns abzuholen. Er hatte tatsächlich einen Anruf der Guides in Mabamba bekommen, ein Schuhschnabel sei soeben eingeflogen. Nach meinen dilettantenhaften Berechnungen waren es von unserem Frühstückstisch bis in den Sumpf fast 90 Minuten netto. Ich fragte mich also, wie es möglich sein sollte, dass der Vogel so lange dort verharren würde. Aber ich hatte natürlich Vertrauen in die Profis und so packte ich einfach nur schnell meine Siebensachen zusammen. Es war wieder ein grau-verhangener Morgen, und als ich am Parkplatz bei den Booten aus dem Wagen ins Gras hinunterhüpfte, stand ich plötzlich bis über beide Knöchel im Wasser. So durchnässt wie sie waren, zog ich Schuhe und Socken aus und setzte mich barfuß ins Boot, sehr kühl war es ja nicht. Peter hatte vorgesorgt und diesmal nach einem schnelleren Boot gefragt, wir durchbrachen zwar nicht gerade die Schallmauer, waren aber immerhin doppelt so flott unterwegs wie am Vortag. Die Pied Kingfisher waren wieder treue Begleiter. Nach knapp 40 Minuten wechselten wir beim Sumpf in eins der kleineren Boot, das diesmal in den Händen von Ismael war, dem Vater des jungen Guides am Vortag. Ismael ist eine Instanz bei den Shoebill-Touren in Mabamba, genau genommen ist er sogar einer der Gründerväter. Die Dorfbewohner, die vom Fischfang leb(t)en, hatten einst Jagd gemacht auf den riesigen Storch, denn sie konkurrierten mit dem Vogel um sein Leibgericht Lungfish, der in Uganda Mamba heißt. Schließlich aber erkannten die Einheimischen nicht zuletzt den wirtschaftlichen Nutzen des Schuhschnabel und boten touristische Touren an, die eine wichtige Einnahmequelle für die Community sind - und dem Vogel wohl das Überleben sicherten. Zielgerichtet ließ Ismael den Bootsführer eine bestimmte Stelle im Sumpf ansteuern, und dann sahen wir das große Tier einfach so in der Landschaft herumstehen. Wahnsinn, da war er also, der Schuhschnabel. Ich konnte es kaum fassen und schaute vorsorglich dreimal hin. Wir hielten großen Abstand, Ismael war sehr erpicht darauf. Nun wurde mir klar, weshalb wir uns nicht sonderlich hatten beeilen müssen: Hat sich der Shoebill erst einmal eine Stelle für sein Tagwerk ausgesucht, kann er stundenlang praktisch bewegungslos verharren. Nur die Lider klimperten ab und zu wie in Zeitlupe. Genau wie in der Augsburger Puppenkiste. Wir blieben eine gute halbe Stunde, die Ismael auch dafür nutzte, seine Autorität stumm zum Ausdruck zu bringen. Fuhr eins der nachkommenden Boote für sein Gefühl zu nah an das Tier heran, rief er die Guides mit einer leisen Handbewegung zurück. Es war aber spürbar, dass sie mit den Hufen scharrten und die unsichtbare Barriere eigentlich gern überwinden wollten. Als wir den Schuhschnabel verließen, fuhren wir auf direktem Weg zum größeren Boot zurück. Keine Fahrt durch den Sumpf an diesem Tag, wir hatten die Tour nicht extra gebucht und mussten auch nicht dafür bezahlen, weil sie eher als Ausgleich für den Vortag zu verstehen war. Wir hatten nichts davon geahnt, freuten uns über die unverhoffte zusätzliche Gelegenheit und drückten Ismael ein dickes Trinkgeld in die Hand. Der Abschied von Mabamba fiel uns leicht, denn schon am nächsten Tag würden wir wiederkommen. Und am Ende der Reise sogar noch einmal. Auf dem Rückweg zum Anleger in Entebbe dösten wir ein wenig vor uns hin, so richtig spannend war die Überfahrt auf Dauer eher nicht. Thomas zeigte auf einen Egret auf einer der vielen im Wasser treibenden Pflanzen, die eingeschleppt worden sind und regelmäßig von Booten eingesammelt werden müssen, damit sie nicht den gesamten See zuwuchern. Eine echte Plage. Meine Augen blieben allerdings eher an einer Bewegung auf einem Pflanzen-Inselchen direkt (von uns aus) links daneben hängen. Dort bewegte sich etwas in relativ regelmäßigen Abständen auf und ab und mir schwante nichts Gutes. Ich machte Peter darauf aufmerksam, wir steuerten dorthin und sahen schnell, es war ein Vogel in größter Not. Wir hielten neben dem Graureiher, der sich verzweifelt aus etwas zu befreien versuchte, und Peter und der Bootsführer hievten den Vogel ins Boot. Unglaublich, wie groß so ein Reiher aus nächster Nähe ist - wenn auch in jämmerlicher Verfassung. Das arme Tier hatte sich nicht nur hoffnungslos in einer ganzen Reihe von Angelschnüren verstrickt, die wir nun vorsichtig mit Peters Messer lösten, sondern auch noch einen Fisch samt Haken verschluckt, der sich durch seine Zunge und seinen Schlund gebohrt hatte. Ein schrecklicher Anblick, und während sich meine Gedanken noch jagten, löste Peter gemeinsam mit dem Bootsführer in einer komplizierten OP den Haken heraus. Dann reichte er mir das Messer und ich fischte das verhängnisvolle und von Schnüren umwickelte Grünzeug aus dem See. Ich wunderte mich, wie schwer das war und sah gleich darauf, warum: Ich hob nicht nur die wenigen Pflanzen an, sondern auch hunderte Meter von Nylonschnur mitsamt an Haken befestigten glitzernden Fischen, kreuz und quer durch den See gespannt. Alles Lockmittel, um größere Fische zu fangen, tatsächlich aber hatte der Vogel nach einem der Köder geschnappt und damit sein Schicksal fast besiegelt. Ich blickte einmal kurz zu Peter und kappte dann die Leinen, die mitsamt den Ködern langsam auf den Grund sanken. Irgendein Fischer würde sich in den nächsten Tagen maßlos ärgern, aber wir konnten das Wirrwarr an Pflanzen und Schnüren so nicht lassen, eine tödliche Falle für die vielen Seevögel am Lake Victoria. Der Reiher war komplett durchweicht und geschwächt, hatte vielleicht schon tagelang einen aussichtslosen Kampf gegen einen unüberwindlichen Feind geführt. Er blutete am Schnabel und am Hals, konnte aber stehen. Immerhin war nichts gebrochen, kein Bein und kein Flügel, und als die Männer ihn losließen, huschte er panisch erst unter unserer Sitzbank hindurch zum anderen Ende des Bootes und schaffte es dann mit einem wackeligen Sprung auf die Reling. Von dort beäugte er uns skeptisch und wich so weit wie möglich vor uns davon, startete aber keinen Flugversuch. Es hätte auch nicht geklappt. Die Menschen am Ufer staunten nicht schlecht, als wir mit dem Graureiher als Galionsfigur auf den Strand zu- und dann daraufsausten. Der Vogel versuchte von Bord zu fliegen, landete aber auf der Nase, er rappelte sich auf und suchte Schutz hinter den parkenden Autos. Mich nahm das alles ziemlich mit und wir rätselten, ob das Tier mit dem malträtierten Hals wohl eine Überlebenschance hätte. Wir ließen einen Fisch zurück und hofften das Beste, Peter war einigermaßen zuversichtlich. Gedankenverloren fuhren wir zurück zur Unterkunft, wo wir den Nachmittag wieder in Ruhe am Pool verbrachten. Mein Bedarf an Aufregung war gedeckt. Wie schon am Vortag setzte sich mittags die Sonne durch. Black-headed Gonolek Ein junges Paar war angekommen, sie waren schon am Ende ihrer Reise und erzählten begeistert vom Gorillatrekking. Die netten Gespräche brachten uns auf andere Gedanken, doch ich fand schlecht in den Schlaf - und war damit nicht alleine, wie sich am nächsten Tag herausstellen sollte. |
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Letzte Änderung: 17 Aug 2024 14:23 von Beatnick.
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2.1.24: Nordwärts
Am Morgen packten wir unsere Habseligkeiten ins Auto und verließen das Boma Guesthouse, in dem wir uns drei Tage sehr wohl gefühlt hatten. Fast alle Gäste waren nur eine Nacht geblieben, entweder am Anfang oder am Ende ihrer Reise, aber uns wurde die Zeit nie lang. Man kann es dort zum An- und Runterkommen sehr gut aushalten. Zum dritten Mal ging es für uns nun schon in den Mabamba Swamp, und ich hätte diese Tour auch noch 100 Mal machen können, ohne dass sie mir langweilig geworden wäre. Immer gab es etwas Neues zu sehen, andere Situationen, ähnlich wie bei den Bootstouren in Botswana, die wir so liebten. Diesmal schien auch schon am Morgen die Sonne und es wurde schnell sehr warm. Am Parkplatz bei den Booten erkundigte sich Peter nach dem Reiher, er hatte ähnlich wie wir noch viel über die Situation nachgedacht, schlecht geschlafen und auch mit seiner Frau und seinen Kindern darüber gesprochen. Der Vogel war am Nachmittag noch gesehen worden, wie er über das Gelände stakste, am Abend dann nicht mehr. Ich hoffte, dass er das Weite gesucht hatte, als sein Gefieder endlich getrocknet war und dass er trotz seiner Wunden überleben konnte. Peter nahm ähnlich wie wir großen Anteil am Schicksal dieses Vogels, vor allem aber der ewige Mensch-Tier-Konflikt und die Frage nach möglichen Lösungen beschäftigten ihn. Natürlich hatte er so eine Situation nicht zum ersten Mal erlebt. Wir sprachen noch den ganzen Tag immer wieder darüber, das Los der Fischer, die mühsam ihre Familien ernähren mussten. Den möglichen Zwiespalt des Bootsführers, der vielleicht sogar mit dem Fischer verwandt war. Und den Erhalt des riesigen Ökosystems Victoria Lake. Peter hatte Thomas am Vortag gebeten, die Ereignisse mit Fotos zu dokumentieren, und außerdem einige "Beweismittel" wie das Kuddelmuddel aus Leinen und Haken eingesammelt. Er wird sicher an den entsprechenden Stellen versucht haben, auf die Probleme aufmerksam zu machen, denn so haben wir ihn kennengelernt: engagiert, lösungsorientiert und klug. Vielleicht an dieser Stelle einige Worte zu unserem Guide: Peter hat an der Uni in Kampala Soziologie studiert und später auch dort gelehrt, dann für eine Bank gearbeitet und schließlich festgestellt: Er muss raus in die Natur, die er liebt, und weg vom Schreibtisch. Seit zehn Jahren arbeitet er nun als Guide, ist hervorragend in seinem Job als Naturführer, aber auch weit darüber hinaus. Kein Tag, an dem wir nicht etwas über die Menschen in Uganda gelernt haben, ihren Alltag, ihre Kultur, ihre Sorgen, aber auch ihr sonniges Gemüt. Wir erörterten den Ursprung des uns so verhassten Gesetzes gegen Homosexualität, das Thema Sicherheit und die politische Lage. Ob nach Langzeit-Präsident Yoweri Museveni bessere Zeiten kommen, beschäftigt viele Menschen in Uganda. Vor allem die Jüngeren, mit den wir gesprochen haben, wünschen sich einen grundlegenden Wechsel. Durch das gemeinsame Erlebnis mit dem Vogel war Peter wahrscheinlich frühzeitig klar: Wir wollten das ungeschminkte Uganda, keine Seifenblasen, keine Rundum-Sorglos-Ferien. Kurzum: Wir redeten Tacheles. Er war für uns ein Sechser im Lotto. Am Mabamba Swamp angekommen wurden wir schon wie alte Bekannte begrüßt, da seid ihr ja wieder, und kletterten wie am Vortag zu Ismael ins Boot. Das kam uns sehr gelegen, denn wir mochten seine besonnene Art. Langsam cruisten wir durch die schmalen Kanäle und genossen es, bei schönem Wetter und mit Zeit auch die vielen anderen Vögel beobachten zu können. Die meisten sind sehr scheu, und so blieben wir einfach stehen, bis sie nach und nach zu uns kamen. Die Jacanas ignorierten uns nach einer Weile komplett. Die schwimmenden Sümpfe sind wunderschön mit ihrer dichten Vegetation und den vielen blühenden Seerosen. Überall zwitscherte es im Schilf und zwischen den Farnen. Oft bekam man die Verursacher gar nicht erst zu Gesicht, aber wir sogen die friedliche Stimmung in uns auf. Blue-breasted Bee-eater Schließlich führte uns Ismael zu einem weiteren Schuhschnabel. Es war diesmal schwierig, im Schilf eine geeignete Position zu finden, ohne den scheuen Vogel zu stören, und so blieben wir ziemlich auf Distanz. Der Shoebill hatte es ein wenig besser als wir. Während wir im Boot in der heißen Sonne vor uns hinbrutzelten, tauchte er immer wieder mit dem Bauch ins Wasser. Außerdem sperrte er zur Kühlung den Schnabel auf, was aussah, als ob er lachte. Er ist schon ein ziemliches Unikum, dieser Schuhschnabel. Als eine Gruppe mit mehreren Booten anrückte, stehend und die Handys gezückt, flog der Vogel schließlich davon. Wir machten uns auf den Rückweg, ich ärgerte mich über diese Rücksichtslosigkeit dem Tier gegenüber. Wieder hatten wir viel mit Peter zu besprechen. Trotzdem war es ein sehr schöner Morgen gewesen. Zurück beim Auto begannen wir unsere Rundreise und verließen erstmals Kampala und Entebbe. Wir kamen gut aus dem Verkehrschaos der Hauptstadt heraus und fuhren auf sehr guten Teerstraßen nach Nordenwesten. Ich hatte mir Uganda immer relativ menschenleer vorgestellt, doch das Gegenteil ist der Fall. Hatte mich der Garten des Boma mit seinem üppigen Grün noch gedanklich nach Costa Rica versetzt, erinnerten mich die Szenen entlang der Straße nun eher an Indien. Was auch zu einem guten Teil an den vielen Häusern lag, die einst Inder gebaut hatten, bevor sie Idi Amin vor über 50 Jahren aus dem Land vertrieb. Die Inder hinterließen als Erbe zudem unter anderem den von mir heißgeliebten Tee, der in Uganda "African Tea" heißt, tatsächlich aber indischer "Masala Chai" ist - Gewürztee. Ich trank ihn täglich fast schon literweise. Viele Menschen, viel Handwerk, viele Märkte und Straßenstände, wir kauften kleine rötliche Bananen und Ananas, beides zuckersüß und wahrscheinlich das beste Obst meines Lebens. Schon im Boma hatten uns die phänomenalen Avocados imponiert. Wir waren schon eine ganze Weile unterwegs, da fiel uns der rege Flugverkehr rund um einige Bäume direkt an der Straße auf. Unten gingen die Menschen ungerührt ihrem Alltag nach, aber oben zwischen den Ästen der riesigen Nadelbäume brütete eine große Pelikankolonie. Peter kannte diese Stelle von seinen bisherigen Touren nicht und wir kletterten alle drei begeistert aus dem Wagen. Das Geschnatter der Vögel war ebenso eindrucksvoll wie ihr Erscheinungsbild. Besonders ihre auffälligen Frisuren hatten es mir angetan. Immer wieder flogen die riesigen Vögel in nicht allzu großer Höhe über uns hinweg und ich verrenkte mir fast den Hals, um ihnen bei ihren Manövern zuzusehen. Wir blieben eine ganze Weile und konnten uns mal wieder nicht trennen. Peter ließ uns die Zeit, Pläne hatten wir für diesen Tag nicht mehr. Später kamen wie am Ziwa Rhino Sanctuary vorbei, auf dessen Besuch wir verzichtet hatten. Es ist fraglos interessant und seine Existenz immens wichtig, aber wir hatten das Glück schon einige Rhinos in freier Wildbahn zu sehen. Daher hatten wir uns gegen diesen möglichen Übernachtungsstopp und für andere Aktivitäten entschieden. Unser Ziel war an diesem Abend das Masindi Hotel im gleichnamigen Ort nur 30 Kilometer vom Budongo Forest entfernt, unserer Station am nächsten Morgen. Das Hotel von 1923 ist das älteste in Uganda und beherbergte schon Humphrey Bogart, Katharine Hepburn und Ernest Hemingway, und so heißt die kleine Hotel-Bar auch fast schon zwangsläufig Hemingway-Bar - wie so viele andere in der Welt. Das klingt alles in allem erst einmal glanzvoller als es ist, der Bau ist in die Jahre gekommen, zuletzt wurde allerdings einiges renoviert, zum Beispiel die Lobby. Die Zimmer sind schlicht, aber sauber und vermitteln sehr gut einen Eindruck, was reisen und Luxus einmal bedeutet haben, als eben vor allem das Reisen selbst der Luxus gewesen war. Wir aßen lecker im Innenhof, unterhielten uns mit Expats aus den USA, die im Ort lebten und zum Essen gekommen waren, und gingen dann früh ins Bett. Schon um 5 Uhr war die Nacht wieder vorbei. |
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3.1.24: Schimpansen und ein Wasserfall
Noch vor sechs Uhr bekamen wir ein kleines Frühstück. Das war sehr nett, denn das war deutlich vor der regulären Zeit und ohnehin gab es nur wenige andere Gäste im Masindi Hotel. Dann packten wir unsere Taschen ins Auto und fuhren weiter zum Budongo Forest. Wir wussten nicht, wie das Trekking dort ablaufen würde, aber wir wurden einem Guide zugeteilt und gingen dann zu Dritt los. Das gefiel uns gut, denn wir hatten eher mit einer Gruppe gerechnet. Peter blieb bei der Forststation, bei der generell erfreulich wenig Andrang war. Wie bei den Gorillas hatten sich zuvor schon Tracker auf den Weg gemacht, um nach den Tieren zu suchen. Sie vermelden dann den ungefähren Standort, der sich jedoch ändern kann, denn die Schimpansen bewegen sich natürlich durch ihr Revier. Wir wussten also weder, ob wir überhaupt eine Gruppe finden würden (wobei die Chancen soweit ich weiß sehr gut stehen) und wenn ja, wie weit sie entfernt sein und was sie gerade machen würden. Der Guide war sehr nett und machte uns unterwegs auch auf Vögel aufmerksam, der Wald ist bekannt dafür. Wir hörten sie aber eher als dass wir sie sahen. Imposant sind die vielen hohen Bäume in Ostafrikas größtem Mahagoni-Wald. Insgesamt legte er ein ganz schönes Tempo vor, wir kamen gut mit, aber ich fragte mich, wie lange. Es war ein klar erkennbarer und guter Pfade, auf dem wir liefen, der Guide mahnte uns, nicht in die Ameisenstraßen zu treten, die immer wieder unseren Weg kreuzten. Wir achteten sehr darauf, trugen sogar die eigens mitgebrachten Gamaschen. Trotzdem schaffte es irgendwann eine der Safari-Ants - die so heißen, weil sie sich an einem beweglichen Objekt festklammern und ihre Population dadurch weiter verteilen und vergrößern - bis hoch unter meine dünne Jacke und mein T-Shirt. Als sie sich in meinen Rücken einklinkte, durchfuhr mich ein heftiger Schmerz. Thomas hatte die ehrenvolle Aufgabe, mich von dem Plagegeist zu befreien, das sich beharrlich an mir festhielt, der Guide fegte noch einige Exemplare von meinen Schuhen. Kaum war das Insekt beseitigt, blieb nichts davon zurück. Ich achtete aber noch mehr auf meine Schritte als ohnehin schon. Irgendwann war das allerdings nicht mehr möglich. Wir hatten nach einer guten halben Stunde Fußmarsch in der Ferne ein fremd klingendes lautes Kreischen und Rufen gehört - die Schimpansen. Der Guide legte noch einen Zahn zu uns führte uns etwa 20 Minuten später mitten ins Unterholz. Was da kreuchte und fleuchte, konnte ich nun beim besten Willen nicht mehr erkennen. Egal. Wir waren da. Sagte der Guide und blieb stehen. Ich schaute mich um und sah - nichts. Plötzlich aber fand ich mich inmitten eines ohrenbetäubenden Kreischkonzerts wieder, das jeden Groupie vor Neid erblassen ließe. Es klang erschreckend und faszinierend zugleich. Der Lärmpegel war imposant, und nun entdeckte ich auch nach und nach die Verursacher, die sich einfach nur miteinander unterhalten hatten. Schimpansen-Talk. Kaum waren die Neuigkeiten ausgetauscht, herrschte wieder Ruhe im Wald. Wir suchten uns einen Weg durchs Dickicht, das war gar nicht so leicht, manchmal ging es nicht mehr voran und wir steckten regelrecht fest. Also wieder alles retour. Was die Affen sich wohl dachten, wie sie uns da so unbeholfen durch ihr Refugium stolpern sahen? Diese armen Menschen ... Mir machte es allerdings einen Riesenspaß und erst Recht, als wir schließlich tatsächlich einige Schimpansen gut und aus der Nähe beobachten konnten. Die einen hatten sich auf der Flucht vor der zunehmenden Hitze auf den kühlenden Boden gehockt, ... ... andere suchten sich in den unteren Etagen eine gemütliche Astgabel für ein Nickerchen oder die intensive Fellpflege. Hoch im Kurs stand auch ein Baum mit wilden Feigen, in dem sich einer der Schimpansen eine Frucht nach der anderen genussvoll einverleibte. Kunstvoll und ohne Zuhilfenahme der Hände balancierte er sie so lange auf der Unterlippe, bis der Kern rundherum fein säuberlich abgeknabbert war. Dann spie er ihn achtlos nach unten, von wo aus wir die Aufführung mit gebührendem Respekt bewunderten. Kurz darauf konnte ich gerade noch zur Seite springen, als auch noch andere Dinge auf uns hinab prasselten - ziemlich naiv dachte ich zunächst, es würde regnen... Wir blieben etwa eine Stunde, dann machten wir uns auf den Rückweg. Gut zweieinhalb Stunden nach unserem Aufbruch waren wir zurück bei Peter, der sich mit uns über die Schimpansen freute, und fuhren weiter zu den Murchison Falls, die als einer der mächtigsten Wasserfälle der Welt gelten. Wir stoppten am Aussichtspunkt "Top of the Falls", wo der Nil durch eine sieben Meter breite Lücke gepresst wird und dann mit irrem Getöse 45 Meter in die Tiefe stürzt. Rock Pratincoles an den Fällen Je nach Position wurden wir ordentlich nass, doch es war ein heißer Tage und die unfreiwillige Dusche willkommen. Wir picknickten im Schatten eines großen Baumes, Peter zerteilte eine der herrlich-süßen Ananas und erzählte von den Häuptlingen Ugandas, von denen einige noch heute großen Einfluss aufs Volk haben - wenn auch keine politische Macht. Blick über den Nil - am nächsten Tag würden wir uns den Fällen von dort unten vom Wasser aus nähern. Am Nachmittag erreichten wir die Murchison River Lodge unweit des Eingangs zum Murchison Falls Nationalpark, unsere Heimat für die nächsten drei Nächte. Peter hatte es richtig vorhergesagt, hier oben war es viel wärmer und sonniger als in der Gegend rund um Kampala. Wir mochten unser Safarizelt mit dem rustikalen Außenbad, am besten gefiel uns aber der Bar- und Restaurantbereich direkt oberhalb des Nils mit dem tollen Ausblick auf den Fluss und den Park - mein absoluter Lieblingsplatz innerhalb des Camps in den nächsten Tagen. Später sammelte uns Peter zu einem ersten kurzen Trip in den Nationalpark ein, auffällig waren die vielen Kontrollposten und Militärs auf den Straßen rund um den Park. Mich störte das nicht, ganz im Gegenteil, bislang hatte ich mich immer sicher gefühlt und das blieb auch in Murchison Falls so. Die Sonne war nun leider verschwunden, das Licht schlecht geworden, für einen ersten Eindruck reichte es. Wir überquerten den Nil über eine riesige, offenbar recht neue Brücke und fuhren dann eine große, makellose Asphaltstraße entlang. Piapiacs, quasi die Oxpecker von Murchison Falls, eskortieren einen Elefanten Unser erster Uganda-Kob Mir kam das etwas komisch vor, Safari auf einer gefühlten Autobahn mitten im Nationalpark, wenn auch kaum befahren. Die Aufklärung folgte am nächsten Tag - und dann aber auch mehr Wildnisgefühl. |
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4.1.24, Vormittag: Das bedrohte Paradies
5 Uhr, einmal mehr schälten wir uns früh aus den Federn. Afrika hält uns immer ganz schön auf Trab, aber wem sage ich das - wir lieben es. Unsere erste längere Pirschfahrt im Murchison Falls Nationalpark - was uns da wohl erwarten würde? In erster Linie zunächst einmal Frühnebel, in dicken Schwaden waberte er über den Nil, der kaum zu sehen war, als wir am Restaurant unseren heißen Kaffee und Tee schlürften. Peter war schon wieder putzmunter, als erstes Auto rollten wir in Richtung Parkeingang unweit des Camps. Kurz hinter der großen Brücke hielten wir an und sogen die mystische Morgenstimmung in uns auf. Mühsam kämpfte sich die Sonne durch die Wolken und der Nebel hob sich wie in Zeitlupe. Ein Stück blieben wir noch auf der Straße, auf der wir schon am Vorabend unterwegs gewesen waren. Wieder waren Antilopen, Büffel und auch Elefanten zu sehen und teilweise sogar aus der Nähe, aber ich mochte diese Strecke nicht besonders. Ich freute mich also, als wir die überdimensionierte Teerstraße verließen und auf eine rote Lehmpiste wechselten. Das gefiel uns schon viel besser als das autobahnähnliche Monstrum mitten im Park, sofort stellte sich Safarifeeling ein und wir waren in unserem Element. Zumindest in der Theorie, in der Praxis gab es noch nicht viel zu sehen. Außer Nebel, der wieder eine immer dickere Soße wurde, je näher wir dem Nil rückten. Im Frühtau ... männliche Schafstelze (Danke Matte!) Peter hielt an dieser Stelle - soweit in der Nebelsuppe möglich - Ausschau nach einem Leoparden, und natürlich hätten wir nichts gegen eine Begegnung einzuwenden gehabt. Aber vor allem ging es uns darum, neue Tiere zu entdecken, neue Arten, und Peter antizipierte das sofort. Vielleicht reizte ihn unser Anliegen sogar, forderte ihn heraus und nahm möglicherweise auch ein wenig den Druck. Jedenfalls machten wir einen Haken an mögliche Katzensichtungen und dabei blieb es auch. Nach und nach wurde die Sicht klarer und ich freute mich unbändig über einen Abyssinian ground hornbill, der sich intensiv seiner Morgentoilette widmete. Sicher keine ungewöhnliche Sichtung, dennoch hatte er weit oben auf meiner Wunschliste gestanden. Wir befuhren unterschiedliche Wege, Queens Track, Victoria Track, Albert Track, ich verlor den Überblick, doch das spielte keine Rolle. Wir cruisten durch offene, mit Palmen durchsetzte Savannenlandschaften, in denen sich Uganda-Kobs, Jackson's Hartebeests und viele andere Huftiere tummelten - herrlich! Dann führte uns Peter auf der Suche nach Vögeln ins Buschland. Wir wurden schnell fündig, allerdings einige Tsetsefliegen fanden uns auch. Es war aber noch auszuhalten. Einige mussten ihr Leben lassen, erwischt haben sie uns nicht. Besonders fröhlicher Grey-Headed Kingfisher Peter ist nicht unbedingt ein ausgewiesener Vogelexperte, hat aber ein sehr gutes Basiswissen. Mit Feuer und Flamme war er dabei, durchblätterte sein dickes Buch, suchte nach Antworten. Was an Fragen offen blieb, wurde abends im Netz recherchiert. Typisch für ihn. Selten haben wir jemanden getroffen, der so lern- und wissbegierig ist. Senegalkiebitz Western Marsh Harrier/Rohrweihe (Danke Bele und Holger!) Viel später auf dieser Reise sagte er, dass er nach der Erfahrung mit uns noch ein paar Jahre als Guide dranhängen wolle. Um seine Birding-Skills auszubauen. Und um zu fotografieren. Wir hatten ihn auf den Geschmack gebracht. Das mochten wir sehr. Levaillant’s Cuckoo Ein Vogel begegnete uns mehrfach während unserer dreiwöchigen Reise, und ihn zu bestimmen war nun keine Kunst. Trotzdem waren wir überrascht von der Häufigkeit. Auf all unseren Safaris hatten wir erst einen einzigen Pygmy Kingfisher zu Gesicht bekommen, das war in der Masai Mara und in perfekter Position. In Uganda waren die bunten Zwerge sehr scheu und schwer zu erwischen, traten dafür aber über die Tage verteilt gleich dutzendfach auf. Das größte Plus des abwechslungsreichen MFNP ist neben seiner Artenvielfalt seine Ruhe. Keine Blechlawinen, kein Drängeln, kein Stress. Kaum einmal begegneten wir einem anderen Auto, selten haben wir Safaris so entspannt erlebt. Das perfekt Idyll. Zumindest fast. Denn irgendwann umkurvten wir im Zickzack eine Industrieanlage mitsamt einem Förderturm. Ganz offensichtlich ein Fremdkörper in dieser Naturkulisse und irritierend dazu, immerhin freute sich Peter darüber, dass die dazugehörige Pipeline nunmehr unter einem Erdwall verborgen liegt. Die neue Brücke über den Nil, die autobahnähnliche Straße, die den Park in der Mitte durchschneidet, der Fördertum - für uns fügte sich nun schlagartig ein Bild zusammen, und es gefiel uns ganz und gar nicht. 2006 waren am Ufer des Albertsees riesige Ölfelder entdeckt worden, nun steht in Uganda ein gigantisches Erdölprojekt in den Startlöchern. Ein chinesischer Konzern hat die rote Piste durch den Park in eine Schwerlast-Straße verwandelt, die Brücke ist Teil davon. Noch grasen die Tiere friedlich am Straßenrand, doch bald rollen dort die Mega-Trucks, ab 2025 soll gefördert werden. Geld und Profit regieren die Welt, das ist nun kein Geheimnis, und so befürchtet nicht zuletzt Peter, dass der Ölrausch zu weiteren Auswüchsen führen und das größte geschützte Gebiet des Landes vielleicht sogar in nicht allzu ferner Zukunft Geschichte sein wird. Artikel bei Spektrum.de: Eine Pipeline quer durch die Artenvielfalt Wie hoffen so sehr, dass es zu dieser Katastrophe nie kommt. Denn der Murchison Falls NP und seine Bewohner gefallen uns ausgesprochen gut. Wie auch die eleganten und leider stark bedrohten Rothschild-Giraffen, die mehrfach unseren Weg kreuzten. Sie gelten als eine Besonderheit in diesem Park. Am Ende der Fahrt noch einmal Weißnasen-Husarenaffen, eine weitere Erstsichtung, die Liste war ganz schön lang geworden. Der Kopf und die Speicherkarten waren voll, doch um kurz nach Zehn wartete schon der nächste Programmpunkt dieser variantenreichen Reise. Glücklich, aber auch nachdenklich rollten wir vom Lehm auf den makellosen Asphalt und zurück zur Brücke. Büffelherden weideten am Wegesrand, stoisch und gelassen. So ein schönes Paradies - zumindest noch. P.S.: Korrektur - wir sind nicht zurück zur Lodge gefahren, sondern haben direkt im Anschluss eine Bootstour unternommen. Das Ende dieses Kapitels habe ich entsprechend angepasst! |
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Letzte Änderung: 26 Aug 2024 17:49 von Beatnick.
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