THEMA: Achterbahn der Gefühle in der Masai Mara
16 Okt 2018 16:34 #535796
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  • Beatnick am 16 Okt 2018 16:34
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Die letzte Klappe - das Fazit

Diese Reise war kurz. Und wirkt in vielerlei Hinsicht schon so lange nach. Normalerweise bereiten mir Reiseberichte viel Vergnügen. Über das schreiben, was man am liebsten mag, besser geht’s nicht. Doch diesmal lagen die Dinge anders. Wir sind mit einem riesigen Sack voll Erlebnisse zurückgekehrt. Darunter leider auch viele negative. Weshalb ich einige Tage lang gegrübelt habe: Wer will sowas schon hören, respektive lesen? Schließlich habe ich mich kurzentschlossen ans Werk gemacht. Denn kneifen gilt nicht. Und: Ich wollte den Bericht auch nicht nicht schreiben. Letztlich gehören auch Misstöne zu einem Forum dazu.

Mir war klar, es wird Diskussionen geben. Ich finde, sie sind in einem absolut vernünftigen Rahmen verlaufen. Vielen Dank dafür! Dass es - für mich überraschend - so viele Reaktionen und engagierte Beiträge gegeben hat, hat mir vor Augen geführt, wie vielen Menschen in diesem Forum etwas an der Masai Mara liegt. Und das aus gutem Grund: Was die Sichtungsmöglichkeiten angeht, habe ich etwas Vergleichbares bislang nur in Tansania erlebt - wenn überhaupt.









Ein Beispiel zur Verdeutlichung: In der Serengeti/Ndutu, was uns landschaftlich noch besser gefallen hat, haben wir 2016 unseren bisher einzigen Löwenkill beobachtet. Das muss nicht jeder mögen, ist aber schon eher außergewöhnlich. Es war ein purer Zufall - den die Mara locker toppen kann. Anders gesagt: Mit etwas mehr Glück oder hätten wir es bewusst darauf angelegt, wären wir wahrscheinlich sogar gleich mehrfach Zeuge eines Löwenrisses geworden. Die vielen spektakulären (vor allem Katzen-)Sichtungen auf so engem Raum in der Mara sind wohl mit das Beste, was die Natur auf einer Safari zu bieten hat.











Das ist die eine Seite. Doch Besonderheit weckt immer auch Begehrlichkeiten, und die fordern in aller Regel einen Tribut. Uns war er oft zu hoch. Nicht, weil uns die Erlebnisse nicht exklusiv genug gewesen wären. Sondern weil die Grenzen des für die Umwelt Verträglichen in unseren Augen überschritten sind. Vielerorts zerstörte Grasnarben, zerfahrene Landschaften, umzingelte Tiere, unter- oder sogar abgebrochene Crossings, weil Autos die Kette der Tiere rücksichtslos durchstoßen haben - das hat unserer Begeisterung immer wieder einen herben Dämpfer versetzt. Unser Guide hat uns nach dem ersten Beschnuppern über weite Strecken von den leichter erreichbaren Hot-Spots und den Minibussen ferngehalten. Trotzdem haben wir immer wieder Szenen erlebt, die uns geärgert und sogar schockiert haben.

Dazu kam das Bewusstsein, selbst aktiv zur Misere beizutragen. Natürlich ist eine Reise, zumal eine Fernreise, immer ein ökologisches Desaster. Das ist hier im Forum schon viel und völlig zu Recht diskutiert worden. Aber bislang konnten wir uns zumindest einbilden, mit unserer Safarileidenschaft auch zum Erhalt der Nationalparks beizutragen. Diesmal waren wir eindeutig auf der falschen Seite der Waage.



Letztlich ist es wie fast alles im Leben eine Frage des Maßes. In der Masai Mara ist es - zumindest in dieser Jahreszeit - übervoll, und die Spuren fanden wir unübersehbar. Ich bin kein grundsätzlicher Gegner von Offroad-Fahren. Doch bei dieser Menge von Fahrzeugen geht es eben nicht mehr. Regeln und strenge Kontrollen, wie von unserer Agentur gefordert, sind unerlässlich. Und ich glaube auch, dass eine Beschränkung der Gäste und der Fahrzeuge zumindest in der Hauptreisezeit, wie es sie in Nationalparks anderer Länder schon gibt, notwendig ist. Dagegen stehen aber natürlich monetäre Interessen. Ein großes Problem sei auch, dass schon vor Jahren zu viele Konzessionen vergeben worden seien, berichtete uns der einheimische Buschflieger Sam. Wer will jetzt wem noch etwas wegnehmen?

Ich habe zu dem gesamten Themenkomplex einen Artikel des von uns sehr geschätzten "Guardian" gefunden, der zwar ein paar Jahre alt ist, aber viel von den Eindrücken und Befürchtungen widerspiegelt, die bei uns in der Woche entstanden sind:

The Guardian - The Masai Mara: 'It will not be long before it's gone'

Was mein ganz persönliches Befinden auf dieser Reise betrifft, hat die Masai Mara mich zwar begeistert, aber häufig auch aus den genannten Gründen gestresst. "Da ist etwas kaputtgegangen", beschreibt Elisabeth (sphinx) in ihrem Reisebericht die Reaktion ihres Mannes, und das in der Nebensaison Mai. So ging es mir auch, direkt an Tag eins, als wir beobachtet haben, wie ein ganzer Blechtross einen Geparden im hohen Gras verfolgte. Ich hatte mir bis dahin nicht vorstellen können, dass so etwas in diesem Ausmaß möglich ist.

Die Natur, den Anblick und die Geräusche mit allen Sinnen aufzusaugen und zu genießen, das Gefühl der inneren Balance, hat uns süchtig nach Afrika werden lassen. Diesmal sind wir aus dem Takt geraten. Aber natürlich gab es auch die anderen Momente. Die wunderbare Zeit in unserem idyllischen, freundlichen Camp, unseren letzten Abend bei dem Löwenrudel, die Stunde bei den kleinen Schakalen, die tierreichen Fahrten entlang des Flusses, ...









... sowie das großartige Crossing, das wir im für uns angenehmeren Triangle erleben durften. Trauen sich die Gnus oder trauen sie sich nicht, das war zwar nervenaufreibend, gehört aber zur Natur. Wir mussten keinen Staub, keine Abgase schlucken, wir brauchten nur Geduld. Das hat mir gut gefallen.







Richtig war für uns, so viel Zeit in der Mara zu verbringen, mehr als eine Woche. Das hat uns viel Gestaltungsraum gegeben, die Chance, die Vielzahl der Optionen zu nutzen und auch auszuweichen, soweit möglich.

Wir können und wollen diese Reise, die uns so viel Einzigartiges beschert hat, nicht bereuen. Aber wiederholen werden wir sie nicht - zumindest nicht in dieser Jahreszeit. Vielleicht versuchen wir unser Glück einmal im Januar oder Februar, nehmen auch andere Parks in unsere Planung mit auf. Sollten wir dann aber ähnliche Erfahrungen machen, wird es kein drittes Mal geben. Vielleicht, ganz vielleicht, führen aber ja auch die vom Tourismus-Verband angeregten Diskussionen zu einem besseren Ende. Träumen ist ja schließlich erlaubt ...



Ein für mich sehr schwieriger Reisebericht ist damit beendet, ich bin schon auch froh darüber. Ich will niemanden belehren, keine klugen Ratschläge erteilen, niemandem etwas verderben. Ich kann nur informieren, schildern, was wir gesehen und erlebt haben. Und wie wir es für uns interpretieren.

Uns zieht es auch im kommenden Jahr wieder nach Afrika. Unsere dritte Namibia-Reise als Selbstfahrer führt uns Ende Oktober über die Spitzkoppe, das Damaraland und den Etosha-NP erstmals auch an den Sambesi. Darauf freuen wir uns sehr. Bis dahin bleiben wir bei euch am Ball, es stehen einige interessante Reiseberichte an und ich habe ja nun auch wieder mehr Zeit. :cheer:

Vielen Dank an alle, die diesen nicht immer leichten Reisebericht verfolgt, registriert, kommentiert, konsumiert haben! Ich freue mich sehr darüber und werde die Entwicklung in der Masai Mara wie auch eure Berichte weiter gespannt verfolgen.

Viele liebe Grüße,
Bettina

Reisebericht Kenia 2021
Reisebericht Namibia 2019

Reisebericht Kenia (Masai Mara) 2018

Reisebericht Südafrika (Krüger) 2017

Reisebericht Tansania Februar 2016

Reisebericht Namibia 2015

Unsere Afrika-Reisen: Tansania 2010, Namibia/Südafrika 2012, Madagaskar 2014, Botswana/Simbabwe 2014, Namibia 2015, Tansania 2016, Südafrika 2017, Kenia 2018, Namibia 2019, Kenia 2021, Kenia 2022
Letzte Änderung: 17 Okt 2018 00:52 von Beatnick.
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