THEMA: Malawi – Schnipsel einer Radreise
09 Apr 2026 08:26 #723552
  • BikeAfrica
  • BikeAfricas Avatar
  • Beiträge: 7262
  • Dank erhalten: 8250
  • BikeAfrica am 09 Apr 2026 08:26
  • BikeAfricas Avatar
Auf dem weiteren Weg nach Süden nimmt der Verkehr zu und es wird schneller gefahren. Ich habe noch nie so viele überfahrene Hunde gesehen wie auf dieser Strecke. In jedem Dorf liegt mindestens einer.

Irgendwo unterwegs kommt der Staatspräsident entgegen, begleitet von einer großen Eskorte mit Polizeisirenen. Weit voraus fahren auf beiden Fahrspuren zwei Geländewagen mit Blaulicht nebeneinander. Alle Autofahrer müssen von der Straße, Radfahrer natürlich auch. Eine Weile dahinter kommen jede Menge Motorradpolizisten und dann der Präsident mit irgendwelcher Security in weiteren Fahrzeugen. Der ganz Konvoi rast wie bekloppt über die Straße.

In einer Kleinstadt gehe ich in einen Supermarkt, weil meine Wasservorräte aufgebraucht sind und kaufe zwei 2-Liter-Flaschen Wasser. Die Flaschen am Fahrrad fassen etwa 3,8 Liter und ich fülle direkt um, den Rest trinke ich gleich aus.

Vor dem Supermarkt stehen kleine Grüppchen Männer. Mir fallen zwei Männer auf, die diese Flaschen haben wollen, aber möglicherweise übersehe ich auch noch weitere Interessenten, sonst hätte ich die beiden Flaschen so verteilt.
In solchen Situationen werfe ich die Flaschen nicht in den Mülleimer, sondern stelle sie davor. So ist klar, dass ich sie nicht mehr brauche, aber die Leute müssen nicht noch im Müll wühlen.
Der Moment, in dem ich die Flaschen loslasse, ist immer der „Startschuss“. Dann muss ich drauf achten, dass ich keinem im Weg stehe.
Einer der beiden Männer ist schneller und greift sich gleich beide Flaschen. Der andere beschwert sich. Aus einem hitzigen Wortwechsel entsteht eine Rangelei. Bevor es weiter eskaliert, zeigt sich der Gewinner einsichtig und überlässt dem Kontrahenten eine der Flaschen.

Was wir in Deutschland achtlos als Müll wegwerfen, ist für Menschen anderswo auf der Welt evtl. ein Wertgegenstand, um den sie sich im Extremfall prügeln würden. Diese Erkenntnis kommt bei vielen Touristen nicht so deutlich an, weil sie solche Situationen nie erleben.
Wenn ich in solchen Momenten eine schwangere Frau oder mit Kleinkind auf dem Rücken sehe, dann spreche ich sie natürlich direkt an und frage sie, ob sie den Behälter brauchen kann. Natürlich nicht in Windhoek, sondern eben auf dem Land in ärmeren Regionen ...

Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: Elchontherun, Mannati, freshy, NamiBilly, picco, KarstenB, Papa Kenia, adriana, Tini___, Makra und weitere 1
09 Apr 2026 10:17 #723558
  • BikeAfrica
  • BikeAfricas Avatar
  • Beiträge: 7262
  • Dank erhalten: 8250
  • BikeAfrica am 09 Apr 2026 08:26
  • BikeAfricas Avatar
Nach meiner Rückkehr in Lilongwe suche ich wieder das (vermutlich) Mabuya Camp auf. Mein Fahrrad benötigt für die nächste Tour einige Ausbesserungen. Überhaupt ist an dem Rad außer dem Rahmen kaum noch etwas original. Viele Teile wurden schon mehrfach ersetzt – Laufräder, Tretlager, Schaltung, Sattel, Lenkergriffe, Zahnkränze und Ritzel, Kette, Gepäckträger …

Die Packtaschen sind seit 1994 im Einsatz und werden vor der nächsten Reise ersetzt. Sie waren ursprünglich mal wasserdicht und haben jetzt jeweils ein Loch an der Stelle, wo sie auf Pisten ständig gegen die Achsenden schlugen. Zwei der Taschen wurden zudem mit Klebeband geflickt, da sie von Tieren angefressen wurden – 1995 von einem Squirrel in Alaska und 2003 von einer Ratte in Kamerun.



Auch ausgetauscht werden Lenkergriffe und Sattel sowie Zahnkranz, Ritzel und Kette. Das wäre schon vor der Tour nötig gewesen, denn von ursprünglich 24 sind nur noch vier verwendbar. Immerhin drei mehr als bei den Rädern der Einheimischen. 😉










Wir sind nun am Ende dieses Berichts und ich hoffe, ich habe auch evtl. Landeskennern Malawi mal aus einer teilweise anderen Perspektive zeigen können.
Im Idealfall machen einige Beispiele auch ein bisschen nachdenklich. Viele Reisende möchten nur die Sonnenseite eines Reiselandes sehen, soz. das Wohnzimmer. Ich schaue auch in den Keller und die Rumpelkammer.

Thomas und ich kamen unterwegs so hervorragend klar, dass wir im Folgejahr direkt wieder gemeinsam unterwegs waren.

Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: Elchontherun, Mannati, freshy, NamiBilly, picco, KarstenB, Papa Kenia, adriana, Tini___, tacitus
09 Apr 2026 10:34 #723560
  • HartmutBremen
  • HartmutBremens Avatar
  • Beiträge: 273
  • Dank erhalten: 172
  • HartmutBremen am 09 Apr 2026 10:34
  • HartmutBremens Avatar
Moin Wolfgang,
meinen allerbesten Dank für diesen schönen Reisebericht mit tollen Fotos.
Interessant und humorvoll geschrieben, wie alle deine Reiseberichte.

Gruß aus Bremen
Hartmut
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: BikeAfrica
09 Apr 2026 13:16 #723563
  • tacitus
  • tacituss Avatar
  • Beiträge: 1089
  • Dank erhalten: 1344
  • tacitus am 09 Apr 2026 13:16
  • tacituss Avatar
Danke BikeAfrica,
deine RBe lohnen sich immer, weil man was über das Gastland erfährt. Du erlebst und schilderst die Länder so, wie sie sind. Das hat heutzutage i.A., und ganz besonders hier, Seltenheitswert

Das
BikeAfrica schrieb:
.....
Ähnlich wie in Äthiopien und Ghana gibt es auch in Malawi viele Rasta-Anhänger. Wegen meiner vergleichsweise langen Haare werde ich von Rastas oft als einer von ihnen begrüßt, während ich in Zambia täglich als Jesus angesprochen wurde.
....

hat mir Folgendes in Erinnerung gebracht, damit du weißt, was dir entgangen ist B) :

Der Gründervater, Langzeitpräsident cum -Diktator von Malawi, Hastings Kamuzu Banda im vollständigem (Pflicht) Amtstitel, „Seine Exzellenz, der Präsident auf Lebenszeit (Paramount Chief) Dr. Hastings Kamuzu Banda, der Ngwazi“ (Letzteres bedeutet „Eroberer“) war nämlich nicht nur Autokrat sondern auch bigotter Spinner und der Meinung, dass „westliche“ Kultur, inkl. Ihrer Mode, die Moral seines Staatsvolkes schädigt. Daher hat er im
1973 Decency in Dress Act
(bitte gxxgeln)

Jeans und die damals trendigen „bellbottoms“ verboten. Frauen durften überhaupt keine Hosen tragen, Mini schon gar nicht, Männer sollten Hemden statt shirts tragen …… usw. und „lange“ Haare waren auch verboten. Betroffen waren in erster Linie Frauen, aber bei der Haartracht auch Männer und insbesondere auch Europäer, weil lange Haare auch bei Männern damals „in“ waren/wurden. Der „Decency in Dress Act“ sollte insbesondere das junge Staatsvolk vor der Verderbtheit der „Hippie“- Kultur bewahren. Overlander und -innen haben sich damals, schweren Herzens, von ihrer Haarpracht getrennt, die Shorts weggepackt usw. Dass du diese Tour (wann?) schon in “modern times“ gemacht hast, hat dich also vor Einigem bewahrt B) , denn unter Bandas Gesetzen wurden Männer mit langen Haaren quasi als Herumtreiber und Asoziale angesehen und so behandelt. Eine echte Rastafari-Haartracht konnte noch aus anderen Gründen Probleme verursachen.

Danke nochmals und Grüße

Banda war übrigens auch das einzige afrikanische Staatsoberhaupt dieser Zeit, das mit dem damaligen Apartheidstaat Südafrika offizielle Beziehungen unterhielt. Eine politische Schnittmenge ergab sich wohl daraus, dass sie betr. Bekleidungsvorschriften für Frauen mit den genauso bigotten Buren/Afrikanern kongenial waren. An der Universität von Pretoria z. B. waren für Frauen Hosen und Jeans und Röcke überm Knie verboten. Erst nach jahrelangen Debatten wurden Hosenanzüge mit langem Oberteil erlaubt.
Letzte Änderung: 09 Apr 2026 13:53 von tacitus.
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: BikeAfrica, Mannati, freshy, picco, Makra
09 Apr 2026 14:46 #723568
  • NamiBilly
  • NamiBillys Avatar
  • Beiträge: 443
  • Dank erhalten: 314
  • NamiBilly am 09 Apr 2026 14:46
  • NamiBillys Avatar
Zum Thema Dresscode. Meine Frau und ich sind am 01.02.1990 mit einem VW Bus von Norden kommend, das erste Mal in Malawi eingereist. Das war noch zu Zeiten Bandas und die Frauen mussten in der Tat lange Kleider/Röcke tragen, die deutlich übers Knie gingen. Die Männer durften keine sehr langen Haare haben. Wir hatten damals einen japanischen Tramper mit über die Grenze genommen und er hatte kunstvoll seine mehr als schulterlangen Haare unter einer Mütze versteckt- Die Einreise klappte. Eine Woche später hatten wir ihn wieder getroffen mit sehr kurzen Haaren. Die Polizei hatte ihn vor die Wahl gestellt Haare ab oder Arrest... Wir hatten uns damals einen Monat Zeit gelassen für Malawi und sind dann über Sambia nach Zimbabwe weiter gereist.
Gruß NamiBilly
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: BikeAfrica, Mannati, picco, tacitus
09 Apr 2026 16:03 #723569
  • BikeAfrica
  • BikeAfricas Avatar
  • Beiträge: 7262
  • Dank erhalten: 8250
  • BikeAfrica am 09 Apr 2026 08:26
  • BikeAfricas Avatar
tacitus schrieb:
Du erlebst und schilderst die Länder so, wie sie sind. Das hat heutzutage i.A., und ganz besonders hier, Seltenheitswert

Für mich ist es wichtig, ein Land und das Leben der Bevölkerung kennenzulernen und nicht nur die Sehenswürdigkeiten und die auf Tourismus ausgerichteten Unterkünfte, die fernab des Alltags der Bevölkerung liegen. Die dürfen zwischendurch natürlich auch mal sein, aber grundsätzlich möchte ich schon nahe an den Menschen sein und ein bisschen vom Land begreifen.

Dabei hilft natürlich das Fahrrad als Verkehrsmittel. Wenn ich da am späten Nachmittag in einem Dorf ankomme und das nächste zu weit entfernt ist, muss ich halt sehen, wo ich übernachte und was zu essen bekomme. Mit dem Auto fährt man durch das Dorf einfach durch und 50 km weiter und das im klimatisierten und gefederten Auto.

Was Banda angeht, hatte ich vor der Reise schon davon gelesen. Zu seiner Zeit hätte man mir bei der Einreise die Haare kurz geschnitten. Wäre er zu dieser Zeit noch im Amt gewesen, hätte der Reisebericht von einem anderen Land gehandelt … 😉

Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
Der Administrator hat öffentliche Schreibrechte deaktiviert.
Folgende Benutzer bedankten sich: Elchontherun, Mannati, freshy, Makra, tacitus