THEMA: Malawi – Schnipsel einer Radreise
08 Apr 2026 08:01 #723502
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  • BikeAfrica am 08 Apr 2026 08:01
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Nkhotakota liegt ebenfalls direkt am Malawisee. Ich komme am Nachmittag dort an und finde eine einfache Unterkunft. Eine einfache Straßenküche finde ich auch und damit bin ich für heute zufrieden.
Am nächsten Tag schaue ich mir das Dorf und den Markt an. Am Eingang des Marktes weist ein Schild Verkäufer und Besucher darauf hin, Müll nicht überall hinzuwerfen, sondern nur auf die dafür vorgesehenen Plätze. Damit ist offensichtlich „unten“ gemeint.



Auf dem Markt ist heute fast nichts los. Die Marktstände sind aus allem zusammengeklöppelt, was gerade verfügbar ist.



Ein Händler baut aus alten Glühbirnen, Konservenblech und dem Boden von Spraydosen Petroleumlampen. Ich finde das sehr originell und kaufe zwei.



Gruß
Wolfgang
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08 Apr 2026 08:14 #723504
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Hoi Wolfgang

Hier mal ein kleines 'Danke' für zwischendurch!
BikeAfrica schrieb:
...wir vergessen allzu gerne, dass wir ohne unser Zutun nur mit Glück dort geboren wurden, wo es nun mal passiert ist.
Diese 'Vergesslichkeit' ist weit verbreitet und bei erschreckend vielen Leuten kein Zeichen von Vergesslichkeit sondern von fehlender Reife und /oder fehlender Intelligenz. Ist leider auch bei vielen Reisenden verbreitet...
Letzte Änderung: 08 Apr 2026 08:14 von picco.
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08 Apr 2026 13:08 #723517
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  • BikeAfrica am 08 Apr 2026 08:01
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Die nächste Etappe Richtung Westen soll mich zu einer Asphaltstraße führen, die mich in südlicher Richtung wieder in die Hauptstadt führt. Die Piste führt mitten durchs Nkhotakota Game Reserve.
Ich fahre aus Nkhotakota raus und komme nicht weit. Am Eingang zum Game Reserve ist eine Schranke, daneben eine Hütte und davor sitzen zwei Rangerinnen. Sie lassen mich mit dem Rad nicht durchfahren, da es zu viele Löwen und Elefanten gäbe. Ich müsse irgendwo mitfahren. „Ja, ok, nur wo und wann“, denke ich mir. Aber Afrika liefert für viele Probleme ja gleich eine Lösung mit. Hier fahren LKW als Busersatz. Ich sitze vielleicht 20 min bei den Rangerinnen, als einer dieser LKW kommt. Eine der Rangerinnen meint, sie kläre das und spricht mit dem Fahrer auf Chichewa. Es gäbe hier feste Preise und sie will sicherstellen, dass ich nicht über den Tisch gezogen werde.

Ich bin ja schon einige Male auf einem LKW mitgefahren, aber diesmal ist es anders. Der LKW ist voll bis zum Rand mit Menschen und Gepäck. Auf dem hinteren Drittel ist ein großer Gepäckberg. Davor ist alles voller Menschen. Auf dem Rand der Pritsche sitzen Frauen und Kinder. Die Männer stehen in der Mitte, einige sitzen auf dem Dach des Führerhauses. Mein Fahrrad wird mit zwei meiner Spanngurte außen am Heck befestigt und mein Gepäck landet lose oben auf dem Gepäckberg. Ich will auf den Hinterreifen steigen, um auf die Pritschte zu kommen, aber der LKW hängt so tief, dass mein Fuß gar nicht zwischen Reifen und Kotflügel passt. Von oben kommen mir zwei Hände entgegen. Ich stemme einen Fuß an die Seitenwand. Die beiden Afrikaner ziehen kräftig und ich stoße mich gleichzeitig mit dem Fuß ab und bin sofort oben. Ich stehe auf den Füßen anderer und entschuldige mich. Gleichgültiges Schulterzucken ist die Antwort. Es ist nicht genug Platz auf dem Boden. Ich kann gar nicht anders, als auf den Füßen anderer Leute zu stehen. Ein vollgestopfter Bus in Deutschland ist ein Scheißdreck dagegen.

Ich kann mit der rechten Hand den Gepäckberg erreichen und mich an einem Mangosack festhalten und mit der linken an der Schulter eines Afrikaners. Überhaupt hält sich hier jeder an jemandem fest.
Das Geschaukel durch die Schlaglöcher und die kurzen Drifts in den Sandlöchern sorgen für eine ausgelassene Stimmung. Es ist ein Gejohle wie auf der Achterbahn. Mir hingegen ist überhaupt nicht wohl in dieser Lage. Ein Afrikaner bemerkt das und bietet mir bei einem kurzen Stopp an, die Plätze zu tauschen. Nun kann ich mich hinten in Fahrzeugmitte an den Gepäckberg lehnen und habe einen stabilen Stand. Jetzt stehen zwar andere Leute auf meinen Füßen, aber so ist die Fahrt deutlich entspannter. Auf der Bordwand stehen hinten zwei Männer seitlich am Gepäckberg und werfen das Gepäck wieder nach oben, was durch das Geschaukel nach unten kullert. Sie achten auch drauf, dass nichts hinten vom LKW fällt.

Die Fahrt dauert Stunden und ich bin froh, als ich es überstanden habe. Für die Menschen hier ist es ein ganz gewöhnlicher Tag. Für mich war es ein Horrortrip bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich an den Gepäckberg anlehnen konnte.

Als am Ende alle absteigen, wird das Gepäck wieder verteilt. Keiner vermisst etwas.
Eine gut gekleidete Frau in blauem Kleid spricht mich an und fragt, ob ich einen Platz für die Nacht habe. Ich bin mir sicher, sie hätte mich bei entsprechender Antwort mit zu ihrer Familie genommen. Ich antworte ihr, dass ich hier eine Unterkunft finden werde. Es ist eine Kleinstadt und hier muss es mindestens eine Unterkunft geben. Es dauert auch nicht lange, bis ich eine finde.

Was für ein Tag. Mir wird klar, dass ich die Strecke bei der Pistenbeschaffenheit mit dem Fahrrad niemals an einem Tag hätte schaffen können und sich unterwegs auch wenige Gelegenheiten zum Zelten geboten hätten.

Gruß
Wolfgang
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08 Apr 2026 15:51 #723528
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"You made my day", lieber Wolfgang. Die Schilderung deines Abenteuers auf dem LKW hat mich Tränen lachen lassen...
Gott sei Dank bist du nicht vom LKW gefallen!
Danke für diese wieder so eindrucksvolle Reiseschnipsel.

Sonnige Grüße aus Aachen
Ute
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08 Apr 2026 19:52 #723537
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UDi schrieb:
Die Schilderung deines Abenteuers auf dem LKW hat mich Tränen lachen lassen...

Mir war damals so gar nicht zum Lachen zumute.

Gruß
Wolfgang
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08 Apr 2026 21:51 #723543
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Am nächsten Tag passiert zunächst nichts Spannendes. Am Nachmittag komme ich in eine größere Ortschaft und finde eine Unterkunft. Ich bringe mein Fahrrad ins Zimmer und mache mich zu Fuß auf den Weg, um etwas Essbares aufzutreiben. Ich frage einen jungen Mann, ob es hier im Dorf etwas zu essen gibt. „Ja, aber nichts für Leute wie dich“, sagt er (damit meint er wohl generell Europäer).

Egal, wird schon passen, denke ich mir. Ich habe Hunger. Er schickt mich zum Markt.
Ich finde einen Stand, der Reis mit Bohnen und Ei anbietet. Das klingt ok und macht satt.

Was weniger ok ist, sind die hygienischen Verhältnisse. Es gibt hier auf dem Markt keine Wasserleitung. Das Spülwasser wird möglicherweise aus einem Bach oder Tümpel herbeigeholt und das passiert nicht allzu häufig. Ich beschreibe es mal als wasserähnliche Substanz, was sich in der Spülschüssel befindet. Die Schüssel des Vorgängers wird flüchtig durch die trübe Flüssigkeit gezogen und dabei kurz mit der Hand abgewischt. Es sind noch etwa drei Esslöffel Spülwasser in der Schale, als meine Portion draufkommt. Dazu erhalte ich einen seltsam glänzenden Löffel. Ich setze mich hin und fahre mit dem Finger über den Löffel. Er ist völlig fettig.
Da ich hungrig bin, esse ich alles auf. Meine Darmflora ist ja schon einiges gewöhnt, aber hier stößt sie an die Grenzen. Ab dem nächsten Abend habe ich Durchfall, der auch noch acht Wochen nach meiner Rückkehr nach Deutschland anhält.

Zurück in der Unterkunft finde ich an einer Tür eine Gottesanbeterin. Über der Tür befindet sich eine Lampe und darunter kreisen Dutzende schwarzgelber Käfer. Die Gottesanbeterin pflückt sich etwa alle drei Minuten einen Käfer aus der Luft und frisst ihn ratzfatz auf.



In Malawi gibt es sehr spannende Gottesanbeterinnen. Eine Art sieht aus wie Teile einer Blüte. Sie lauert entsprechend in größeren Blüten.
Andere sehen aus wie die vegetarischen Stabheuschrecken, die wie dünne Zweige aussehen oder die „Wandelnden Bätter“, nur halt jeweils als carnivore Varianten. Die hier auf dem Foto ist eine gewöhnliche, wie man sie so kennt, in diesem Fall vermutlich eine Ghana-Gottesanbeterin.

Im gleichen Gebäude befindet sich auch eine Disco, wie ich bald feststelle und es scheint Wochenende zu sein. Die wummernden Bässe dröhnen bis fünf Uhr morgens und als sie verstummen, versuchen kreischende Hähne und hupende Autos sie zu ersetzen. Ich schlafe wie jemand, der kein Auge zukriegt.

Gruß
Wolfgang
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