THEMA: Malawi – Schnipsel einer Radreise
06 Apr 2026 11:29 #723421
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Hallo Wolfgand,
ich sage jetzt schon danke für diesen Reisebericht. Eine andere, seeehr interessante Art zu reisen...
Und ich werde auch den verpassten Bericht über Jordanien suchen, weil ich dieses Land in so schöner Erinnerung habe.
LG, Adriana
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06 Apr 2026 11:40 #723422
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adriana schrieb:
Und ich werde auch den verpassten Bericht über Jordanien suchen, weil ich dieses Land in so schöner Erinnerung habe.

... hier ist er ...
www.namibia-forum.ch...rdanien.html?start=0
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
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06 Apr 2026 19:00 #723436
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„Ein neuer Tag, ein neuer Moment“. Und es gibt wieder einige Momente, die bei einer durchgeplanten Reise nicht auftreten.

Irgendwann in der Mittagszeit erreichen wir ein Dorf mit einem Markt, auf dem aber so gut wie alles schon abgeräumt wurde. Wir können gerade noch eine Bananenhand ergattern, setzen uns in den Schatten und fangen an, das Obst zu vertilgen. Leider haben die Dinger ihre beste Zeit schon hinter sich und gären bereits. Von der typischen Süße ist nichts mehr übrig. Sie schmecken mehr so nach nichts mit einer unangenehm säuerlichen Note. Wir essen sie trotzdem auf und haben für den Rest des Tages ein ziemliches Gerumpel im Gedärm.

Gegen Abend erreichen wir ein Dorf, aber es gibt auch auf Nachfrage keine Unterkunft (Unterkünfte in afrikanischen Dörfern haben oft kein Schild angebracht und ohne Nachfragen erkennt man die Hälfte nicht mal, wenn man direkt davorsteht). Wir finden aber zufällig ein Waisenhaus an der Hauptstraße. Ich frage die Leiterin, ob wir auf dem Gelände zelten dürfen, da es im Dorf keine Unterkunft gibt und sie erlaubt es. Thomas bedankt sich mit Buntstiften, Bleistiftspitzern und einem Beutel Luftballons. Die Leiterin erklärt uns, wo wir am besten unsere Zelte hinstellen können und wo die Toiletten sind, die auch die Kinder nutzen, wenn sie tagsüber draußen spielen. In ihren Unterkünften haben sie glücklicherweise andere.

Bis wir die Zelte aufgestellt haben, dämmert es bereits. Wir gehen und schauen uns mal die Toiletten an.
Oh je.
Schon die Außenwand ist übersät von Kakerlaken. Wir gehen bis zur Tür und leuchten mit einer Taschenlampe hinein. Es ist ein Plumpsklo mit etwa sechs gemauerten Sitzmöglichkeiten ohne Trennwand dazwischen. Auf dem Boden, an den Wänden und der Decke tummeln sich Tausende Kakerlaken. Man könnte nirgendwo einen Fuß hinsetzen, ohne gleich auf mehrere zu treten. So etwas habe ich noch nie gesehen, nicht einmal annähernd. Wir sind ja beide nicht anspruchsvoll, aber hier müssen wir verweigern.
Wir überlegen, was wir tun, wenn die gärenden Bananen eine nächtliche Revolte anzetteln. Letztlich bleibt nur der Straßenrand als Option.

Wir gehen nochmal los, aber weit kommen wir nicht. Genau gegenüber ist ein Lokal und direkt daneben eine Kneipe – beides in landesüblicher Ausführung … eine kleine Hütte halt.

Thomas isst risikofreudig etwas. Ich würde auch gerne, aber befürchte, das würde die Bananen noch mehr zur Unruhe animieren und nachts eilig einen Haufen am Straßenrand der Hauptstraße abzusetzen ist nun auch nicht so erstrebenswert.

Wir wechseln anschließend nach nebenan in die Kneipe, da es im Lokal keine Getränke gibt. Hier wird’s lustig. Außer dem Betreiberehepaar sind noch drei Einheimische dort, die sich über Besuch von Weißen wundern, aber zugleich sehr neugierig sind. Einer von ihnen spricht Englisch und kann übersetzen. Nachdem sie wissen, dass wir aus Deutschland sind, wollen sie unsere Namen wissen und versuchen, sie auszusprechen. Bei „Thomas“ klappt das gut, aber bei meinem Namen tauchen schon größere Hürden auf. Mir ist in anderen Ländern schon aufgefallen, dass die Kombination der Buchstaben „olfg“ in meinem Namen eine Hürde darstellt und das „f“ in dieser Kombination oft nicht ausgesprochen werden kann und weggelassen wird. Sie amüsieren sich, dass das so schwierig ist und sagen uns ihre Namen. Das klappt jetzt umgekehrt fallweise auch nicht besser und sie freuen sich, dass es uns nicht besser ergeht.

Jetzt zeigen sie auf irgendwelche Gegenstände, fragen nach dem Namen und versuchen immer nacheinander, es auszusprechen. Dann nennen sie uns das Wort auf Chichewa und wir sind wieder dran. So geht das zwei Stunden lang, bevor wir uns verabschieden und uns schlafen legen.

Solche Erlebnisse sind der Grund, warum ich in fremden Ländern so gerne in so kleine Kaschemmen gehe, in denen man auf Menschen trifft, die sonst nie mit Touristen in Kontakt kommen. Schon Erich Kästner schrieb seinerzeit:
„Toren besuchen im fremden Land die Museen. Weise gehen in die Tavernen.“

Gruß
Wolfgang
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07 Apr 2026 12:38 #723457
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Am nächsten Morgen sehe ich mir erstmal die Toilette bei Tageslicht an. Die Kakerlaken sind alle wieder in der Unterwelt und man kann die Toilette tatsächlich benutzen. Das ist gut, denn jetzt im Hellen mag ich erst recht nicht am Straßenrand …
Anschließend besuchen wir noch die zwei jungen Leute aus Deutschland, die hier im Waisenhaus ein freiwilliges soziales Jahr leisten. Die Leiterin hatte es am Vorabend erwähnt.

Irgendwie radeln wir den ganzen Tag stetig bergauf, aber wenn es hoch geht, geht es irgendwann auch wieder runter, nur diesmal auf ganz unangenehme Weise. Und wir orientieren uns wieder in Richtung Westen, da wir ja irgendwie wieder nach Lilongwe müssen.

Die Piste führt direkt zu einem Militärgelände, welches für den öffentlichen Verkehr gesperrt ist. Das würde einen großen Umweg bedeuten, aber sie lassen uns mit dem Fahrrad durch. Wir müssen nur versprechen, die sechs Kilometer nach der eigentlichen Kaserne zu schieben. Wie wir bald feststellen, geht das auch gar nicht anders. Man kommt sich vor wie auf der Abraumhalde eines Steinbruchs. Der Weg besteht nur aus kantigen kopfgroßen Steinen und das sechs Kilometer relativ steil abwärts. Jetzt haben wir endlich Gefälle und es ist die anstrengendste Passage der gesamten Reise. Man muss bei jedem Schritt genau aufpassen wohin man tritt und ich muss die gesamte Zeit beide Bremsen fest anziehen. Als wir endlich unten sind, tun mir die Unterarme weh.

Auf der Strecke kommt uns gelegentlich ein Militärfahrzeug entgegen. Es sind dreiachsige Allrad-LKW. Die Kategorie Land Rover bzw. Land Cruiser scheint man auf dieser Strecke lieber zu vermeiden, wenn es nicht unbedingt sein muss. Als wir am Ende das Militärgelände verlassen, fragt niemand von den Wachposten, wie wir als Zivilisten überhaupt da reingekommen sind.

Von der restlichen Strecke und Übernachtungen bis zur Asphaltstraße habe ich keine Erinnerung an ungewöhnliche Erlebnisse mehr. Vielleicht habe ich auch die Reihenfolge durcheinandergebracht und die Sache mit dem Flusspferd passierte erst hier.

Irgendwo kommen wir in ein kleines Dorf. Vor einer der Hütten befinden drei aufwändigere Grabmale. Das deutet darauf hin, dass es sich um die Hütte des Dorfchefs handelt. Während normale Dorfbewohner auf einem Friedhof bestattet werden, werden die Ahnen der Dorfchefs in vielen Ländern Afrikas auf dem eigenen Grundstück bestattet.



In einer Kleinstadt gibt es etwas wie ein Kino oder DVD-Verleih. Wie man sieht, sind Actionfilme wie Rambo sehr beliebt. Noch populärer sind Kampfsportfilme mit Bruce Lee, Chuck Norris oder Jean-Claude van Damme. Die kennt hier jedes Kind. Fotografiert man Kinder, imitieren sie häufig eines ihrer Vorbilder mit geballten Fäusten und grimmigem Blick.





Wir erreichen wieder Senga Bay, wo wir zu Beginn der Reise schon waren und übernachten wieder auf dem Campingplatz. Meine Isomatte hat die Hitze nicht verkraftet und zeigt Auflösungserscheinungen.



Thomas und ich trennen uns hier, denn er hat eine Woche weniger Urlaub. Er fährt am nächsten Tag eine andere Route zurück nach Lilongwe, als die, die wir auf der Hinfahrt wählten. Ich bleibe noch einen Tag in Senga Bay, laufe im Dorf herum und mache etliche Fotos von Kindern, die ich aber nicht ins Internet stellen möchte und entdecke am Nachmittag die Kneipe, die schon den Bericht einleitete.



Am Tag darauf starte auch ich und fahre noch eine Schleife Richtung Norden über Nkhotakota …

Gruß
Wolfgang
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07 Apr 2026 19:42 #723487
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Moin Wolfgang,
Wie schön, dass Du schon wieder so fleissig einen Fahrrad-Abenteuer-Reisebericht schreibst. :)
Und es wundert mich überhaupt nicht, wie Du diese Tour nur aus der Erinnerung und ohne Tagebuch wieder zusammen bekommst : Solche Erlebnisse und Begegnungen mit Mensch und Tier vergisst man einfach nicht... :laugh:
Richtig gefreut haben mich die Bilder von den Kindern mit ihrem sehr kreativ gebasteltem Spielzeug.
Auch wir haben bei jeder Afrikareise den Einfallsreichtum und das Geschick bewundert, mit dem hier aus einfachsten Mitteln oder Müll etwas geschaffen wird.
Allerdings habe ich jedesmal versäumt, solche Dinge zu fotografieren. :dry:
Das Wichtigste : Es ist wieder ein Bericht, der in Wort und Bild eine - für uns verwöhnte Mitteleuropäer - fremde Welt sehr eindrucksvoll beschreibt.
Für mich ist diese schön beschriebene Reise nicht nur niveauvolle Unterhaltung - sie stimmt mich auch so manches Mal ziemlich nachdenklich...

Mit sehr dankbaren Grüssen
Manfred
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07 Apr 2026 21:24 #723494
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Mannati schrieb:
i
Das Wichtigste : Es ist wieder ein Bericht, der in Wort und Bild eine - für uns verwöhnte Mitteleuropäer - fremde Welt sehr eindrucksvoll beschreibt.
Für mich ist diese schön beschriebene Reise nicht nur niveauvolle Unterhaltung - sie stimmt mich auch so manches Mal ziemlich nachdenklich...

Solche Reisen erden mich auch immer und machen mir klar, wie gut es uns in Mitteleuropa geht. Alleine die Möglichkeit, Reisen unternehmen zu können, ist ja keine Selbstverständlichkeit. Und wir vergessen allzu gerne, dass wir ohne unser Zutun nur mit Glück dort geboren wurden, wo es nun mal passiert ist.

Gruß
Wolfgang
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