THEMA: Malawi – Schnipsel einer Radreise
04 Apr 2026 13:27 #723374
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Am nächsten Morgen verlassen wir den Park. Man bringt uns wieder auf die andere Flussseite und meint dann: „Passt auf, es sind aktuell gerade Elefanten entlang der Strecke“.

Thomas und ich unterhalten uns extra laut, damit uns die Tiere rechtzeitig hören können und wir sie nicht überraschen, denn das Dickicht beidseits der Piste lässt wenig Sicht zu. Da uns gerade nichts Besseres einfällt, zitieren wir Gedichte von Heinz Erhardt. Diesen Moment werde ich wohl nie vergessen – zwei Radfahrer im Nationalpark, die lautstark Gedichte zitieren. 😉

Und dann passiert es trotzdem … drei der grauen Langnasen haben ihre riesigen Horchlappen nicht benutzt und treten durch das Dickicht von links auf die Piste. Wir bleiben sofort stehen, obwohl wir -von rechts kommend- eigentlich Vorfahrt hätten. Die Elefanten bemerken uns und bleiben auch kurz stehen. Nach einer Sekunde setzen sie sich in Bewegung und verschwinden im Trab rechts im Dickicht.

Thomas meint später, die waren höchstens zehn Meter entfernt, ich schätze 20-30. Wie auch immer … auf jeden Fall ein bisschen zu nahe für Radfahrer.

Nach dem Verlassen des Parks fahren wir die gleiche Piste zurück wie auf dem Hinweg. Heute scheint Sonntag zu sein, denn im Vergleich zum Hinweg wimmelt es hier heute von Kindern. Viele grüßen und winken nur, die restlichen kommen zur Piste gerannt, strecken die Arme aus und wollen einen abklatschen. Ich muss mich abwechselnd zwischen links und rechts entscheiden, da ich im Gegensatz zu Zaphod Beeblebrox nur zwei Hände habe und eine davon am Lenker bleibt. Die Kinder freuen sich jedes Mal ein Loch in den Bauch und am Ende der 20 km habe ich sicherlich 100 Kindern eine Freude gemacht. Das ist einer dieser Momente, die man in dieser Form nur auf einer Radreise erleben kann.

Zwischen den Siedlungen ist die Piste schmal und häufig von Dickicht umgeben. Nach etwa 20 km erreichen wir wieder Asphalt und fahren weiter …





Unterwegs fragen wir manchmal ab und zu, wie weit es bis zum nächsten Dorf ist. Es sind fast immer „seven kilometers“. Wenn es zu weit zum Laufen ist oder die Leute keine Ahnung haben, sind es sieben Kilometer. Sieben Kilometer können ganz schön lang sein – heute über 80 zu den bereits 20 geradelten …
Warum wir trotzdem immer wieder fragen, weiß ich selbst nicht. Wir kennen die Antwort ja schon vor der Frage und sie ist nie hilfreich. Wirklich nie.

Wir fragen irgendwo, wie weit es bis X ist (den Namen habe ich vergessen, aber dort sollte es eine Missionsstation mit einer Übernachtungsmöglichkeit geben). Es seien 7 km, heißt es. Nach 20 km fragen wir erneut. 7 km, heißt es. Nach weiteren 20 km fragen wir wieder und ihr ahnt es bereits … - es sind 7 km. Weitere 20 km später fragen wir erneut ein paar junge Männer. Sie beraten sich kurz und antworten dann „6 km“. Ich sage zu Thomas: „Und ich hätte wetten können, es sind sieben“. Thomas antwortet trocken: „Ja, so kann man sich täuschen“. Er haut in jeder Situation noch irgendeinen Spruch raus. Nach einer weiteren Stunde oder mehr erreichen wir im letzten Tageslicht den Ort X und die Missionsstation.

Wir bekommen noch ein Zimmer, aber zu essen gibt es nichts mehr. Eine kalte Hopfenschaumsuppe im Glas können wir uns noch mit ins Zimmer nehmen und schlafen die Nacht wie Babys.
Am nächsten Morgen besuchen wir nach dem Frühstück das kleine Museum der Mission. Der Missionsleiter erklärt uns viele Dinge zur Geschichte und zur aktuellen Situation im Land. Hier erfahren wir auch, was hinter den farbigen Fahnen auf den Hütten steckt, die uns vorher schon immer wieder auffielen und wir keine Erklärung hatten.

Gruß
Wolfgang
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04 Apr 2026 14:56 #723375
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Hallo, in Malawi ist ja Linksverkehr,da gilt vielleicht auch Vorfahrt wenn man von links kommt?Im übrigen ist es mit den Elefanten wie mit den Radfahrern in Holland,die haben immer Vorfahrt.....Ansonsten finde ich Deinen Bericht mal wieder herrlich,besonders der Satz mit den angewurzelten Bäumen.
Schöne Ostertage
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04 Apr 2026 15:12 #723376
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hansilein schrieb:
in Malawi ist ja Linksverkehr,da gilt vielleicht auch Vorfahrt wenn man von links kommt?

Auch bei Linksverkehr gilt üblicherweise Rechts vor Links.

Im übrigen ist es mit den Elefanten wie mit den Radfahrern in Holland,die haben immer Vorfahrt.....

Das habe ich in Afrika schnell begriffen, das sich das Vorfahrtsrecht aus dem Größenverhältnis der beteiligten Verkehrsteilnehmer herleitet. ;-)

Gruß
Wolfgang
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05 Apr 2026 11:50 #723390
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Die nächsten Beiträge kommen ohne Fotos. Das liegt daran, dass wir beide mit je einer analogen SLR und einer digitalen Knipskiste unterwegs sind. Je nach Situation wird die eine oder andere Kamera verwendet und die Dias sind nicht eingescannt.

Es geht heute zum Cape MacLear und Monkey Bay an der Südspitze des Malawisees, dessen Nord-Süd-Ausdehnung etwa 580 km beträgt. Die Region ist ziemlich touristisch und für mich ist es eigentlich schon zu viel. Auch Thomas mag lieber ursprünglichere Regionen.
Es gibt einen kleinen Bootsverleih und ich leihe mir ein „Kajak“, das sich so als Mischung zwischen Kajak und Surfbrett mit Sitz entpuppt. Hauptsache, es schwimmt. Ich bin ziemlich weit draußen, als in der Ferne hinter mir ein Gewitter aufzieht und starker Wind einsetzt. Ich hatte vorher gelesen, dass auf dem See bei Unwetter Wellen bis 3 Meter Höhe auftreten können.
Ein Fischerboot kommt mir entgegen. Die Männer im Boot paddeln fast schon panisch in Richtung Ufer und rufen mir zu, ich solle mich beeilen. Der Wind sorgt für eine starke Strömung, so dass ich nicht auf direktem Weg zurück paddeln kann, sondern mich seitlich abtreiben lasse, um überhaupt erst mal das Ufer zu erreichen. In Ufernähe ist die Strömung geringer und so komme ich leichter zurück zum Bootsverleih. Kaum bin ich an Land, verzieht sich das aufkommende Gewitter und der Wind hört auch langsam auf.

Am nächsten Tag geht es weiter über Piste …


Wir kommen am Nachmittag wieder an den Shire River und finden eine Unterkunft am Flussufer. Davor sind 3-4 Männer dabei, mit Ästen auf eine kleine Schlange einzuprügeln. Thomas fragt sie, was das soll und sie antworten, sie könne giftig sein. Thomas entgegnet, sie könne auch völlig ungefährlich sein und nach kurzer Diskussion kann er sie tatsächlich überzeugen, die Schlange in Ruhe zu lassen. Das Tier hat aber schon einiges abbekommen und wirkt etwas desorientiert. Wir hoffen, sie erholt sich wieder.

Der Übernachtungspreis für die Hütten ist uns zu hoch und wir fragen, ob wir stattdessen hier zelten dürfen, wenn wir im Restaurant essen und den Bierumsatz steigern. Das geht in Ordnung und sie schließen eine der Hütten auf, damit wir sogar die Toilette benutzen können. Auf Nachfrage versichern sie uns, dass es hier keine Flusspferde gäbe.

Wir bauen die Zelte auf und begeben uns sodann ins Restaurant. Außer uns kommt an diesem Abend auch keiner mehr, aber es gibt eine kleine Speisekarte und am Essen kann man nicht meckern.

Da ich meine Taschenlampe im Zelt liegengelassen habe, gehe ich im letzten Tageslicht raus, um sie zu holen. Als ich wieder aufstehe, sehe ich etwas. Ein Flusspferd, dass es hier angeblich gar nicht gibt, steht nur 4-5 Meter links von mir. 30-40 Meter rechts von mir ist der Shire River. Ich dazwischen – eine Konstellation, in die man nie geraten sollte.
Es ist zum Glück noch ein recht junges Tier, das nicht so recht weiß, was es tun soll. Es steht nur da und glotzt blöd. Ein ausgewachsenes hätte mich wohl schon umgebracht, bevor ich kapiert hätte, was überhaupt passiert ist. Wir sagen im Restaurant Bescheid und ein paar Männer treiben das Tier mit Geschrei zum Fluss zurück. Der Wachmann bewacht heute Nacht ausschließlich die Flussseite des Geländes.

So schnell kanns gehen. Ein Moment der Unachtsamkeit kann der letzte Moment sein.

Gruß
Wolfgang
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05 Apr 2026 22:26 #723413
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Soeben erst entdeckt! Aber ich schaffe es, schnell genug zu strampeln, um den Anschluss zu kriegen.

Vorab ein Danke dafür, dass du den Bericht eingestellt hast.

LG freshy
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06 Apr 2026 11:19 #723420
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Irgendwie wissen wir heute nur, dass wir in Richtung Osten fahren, aber wir fahren auf einer Piste und die führen gewöhnlich irgendwo hin. Irgendwo ist also das Ziel und wir sind sicher, dass wir dort ankommen. Wenn man kein Ziel hat, kann man sich nämlich auch nicht verfahren. Das ist total praktisch.

Um die Mittagszeit erreichen wir ein kleines Dorf und auf dem Markt verkauft jemand frittierte Kartoffelstückchen, also so ähnlich wie Pommes, nur nicht in der bei uns üblichen Form.
Thomas hat Hunger und kauft welche. Als er sie isst, stehen etwa 20 Kinder mit großen Augen im Halbkreis davor und schauen ihm zu.

Später am Tag sitzen wir irgendwo in einer anderen Siedlung mal einen Moment im Schatten, als ein Minibus ankommt. Einer der Passagiere kommt direkt auf uns zu, stellt sich als Arzt vor und fragt, ob wir irgendwelche Beschwerden hätten – Kopfweh, Fieber, Malaria, Durchfall …
Er trägt ein etwas verschlissenes Jackett und eine kleine Arzttasche, wie man sie manchmal in Westernfilmen sieht und kramt eine Handvoll loser Tabletten aus seiner Hosentasche, die er uns vorzeigt und erklärt.

Gegen Abend erreichen wir ein weiteres Dorf und werden vom Dorflehrer vor dessen Haus angesprochen. Wir fragen ihn, ob wir hier zelten dürfen und das geht in Ordnung. Er lädt uns später noch zum Abendessen ein. Es gibt Nsima ndi Mululuza. Nsima ist das, was in Kenya und Tanzania als Ugali bezeichnet wird, in Zambia als Sadza und in Namibia als Mieliepap, also ein Brei aus Maismehl. Mululuza ist Bitterleaf, was nach langer Wässerung und entsprechender Zubereitung ungefähr mit Rahmspinat vergleichbar ist. Gegessen wird natürlich mit der Hand.

Während wir mit dem Dorflehrer essen, stehen Frau und Kinder in der Tür und hoffen, dass sie auch noch satt werden. Es ist üblich, dass sie warten müssen, bis die Männer fertig sind und dann das bekommen, was übrigbleibt. Sie schauen ähnlich wie die Kinder heute Mittag auf dem Markt. Obwohl es gut schmeckt und wir viel Hunger haben, halten wir uns zurück, damit Frau und Kinder noch genug bekommen. Wir werden uns schließlich morgen irgendwo was kaufen können. Die Frau und vor allem die Kinder können das nicht…

Gruß
Wolfgang
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