THEMA: Ethisch-moralische Frage zu Mosambik
02 Apr 2021 15:14 #611425
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  • HeiVi am 02 Apr 2021 15:14
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Erst mal Danke schön an diejenigen, die sich die Mühe gemacht haben, ohne Polemik zu diskutieren.

An die anderen:
Ich habe mir echt überlegt, ob ich überhaupt noch anworten soll oder hier zum stummen Mitleser werde.
Es kann aber nicht sein, dass nur die Meinung desjenigen gehört wird und richtig ist, der am "lautesten" polemisiert.
Zum Thema Terrorismus in Mosambik und Tansania gibt es genügend Lesematerial.
Mögen sich die Polarisierer doch bitte erst mal richtig in die Materie einlesen, vielleicht können wir dann ja nochmal mit einer ganz normalen Diskussion starten.
Eine kleine Lektüre-Auswahl folgt.
Schade wäre es, wenn in diesem Forum das gleiche Prinzip ausgeübt würde, das es schon in viel zu vielen anderen Foren gibt: Erst mal den anderen runtermachen. In einer persönlichen Diskussion mit Blickkontakt würde das garantiert respektvoller ablaufen. Aber ist ja "nur" ein Internet-Forum, da kann man sich ruhig im Tonfall vergreifen. Und nur weil der eine oder andere User schon sehr viel gepostet hat, berechtigt das nicht dazu, die Augenhöhe bei der Diskussion zu verlassen und abzuheben.

So, hier noch Lesestoff:
Wissenschaftlicher Beitrag:
THE RISK MANAGEMENT OF ISLAMIC TERRORISM IN A FRAGILE STATE: THE CASE OF MOZAMBIQUE
Luca Bussotti, International Studies Center, ISCTE-IUL, Portugal Federal University of Pernambuco, Brazil
Charles Torres ISGE-GM, Mozambique SMCU, Switzerland

Vorwort
Der islamische Terrorismus stellt für das östliche und südliche Afrika seit den 1990er Jahren eine ernsthafte Bedrohung dar. Viele dieser afrikanischen Länder haben verschiedene Formen des Kampfes gegen den islamischen Terrorismus entwickelt, von einer militärischen Intervention bis hin zu sozialpolitischen Maßnahmen, um die allgemeinen sozioökonomischen Bedingungen für die Gesellschaft als Ganzes zu verbessern. In Mosambik wurden keine spezifischen Maßnahmen ergriffen, um der Ausbreitung des Terrorismus Herr zu werden, so dass sich radikalisierte Formen des Islamismus vor allem in Cabo Delgado, einer nördlichen Provinz an der Grenze zu Tansania, ausbreiten. Die Forschung zielte darauf ab, den islamischen Terrorismus in Cabo Delgado gemäß der Strategie der Risikoprävention und des Risikomanagements des mosambikanischen Staates anzugehen. Diese Studie zeigt, dass Mosambik während der zweiten Amtszeit von Guebuza als Staatschef mit drei verschiedenen, potenziellen Bedrohungen konfrontiert war. Dennoch identifizierte die mosambikanische Regierung zwei dieser Bedrohungen als vorrangig (nämlich die somalische Piraterie im Kanal von Mosambik und die Aktionen der Renamo) und vernachlässigte mögliche islamistische Terroranschläge in der Provinz Cabo Delgado. Diese Studie zeigt - anhand von privilegierten Zeugen sowie öffentlich zugänglichen Quellen -, dass diese Entscheidung typisch für einen fragilen und autoritären Staat war. Erstens basierte sie nicht auf einer objektiven Risikoanalyse, sondern auf politischen sowie patrimonialen Interessen der politischen Elite, und zweitens konnte die lokale Zivilgesellschaft keinen Widerstand entgegensetzen. Diese Entscheidung ermöglichte es radikal-islamischen Gruppen, sich in Cabo Delgado ungestört zu entwickeln, bis sie ab Oktober 2017 gewalttätige Angriffe verübten, denen die mosambikanische Regierung bis heute nicht entgegenwirken zu können scheint.

Verbindungen Terrorismus Mosambik/Tanzania
...Obwohl die Wurzel des Konflikts eher lokal ist, haben die Dschihadisten internationale Verbindungen geknüpft - vor allem nach Tansania, wo nach Angaben der mosambikanischen Regierung auch ein großer Teil der Kämpfer rekrutiert wurde...

Terroristen in Tansania fliehen nach Mosambik
Tansania arbeitet mit Mosambik zusammen, um Terroristen zu bekämpfen
Mehrere jüngste Angriffe, die islamistischen Extremisten zugeschrieben werden, zielten auf das Grenzdorf Kitaya in Tansanias Region Mtwara. Nach Angaben der Polizei wurden mehr als 175 Häuser in Brand gesetzt und einige Menschen von Angreifern getötet, die nach Angaben der Behörden ins benachbarte Mosambik geflohen sind...

Und dass der Chef-Terrorist in Mosambik ursprünglich aus Tansania stammt, ist hoffentlich auch schon bekannt: USA bezeichnen ISIS-Mosambik und seinen tansanischen Anführer als "Terroristen"

Ach ja, und ich fliege NICHT Katar Airways. Das mag auch ein kleines bisschen mit moralisch/ethischen Gründen zusammenhängen.

Grüße,
HeiVi
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02 Apr 2021 16:29 #611430
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Das ist schon eine wichtige Diskussion, die Du da angestoßen hast. Allerdings glaube ich auch, dass Du Dich in der Sache da etwas verrannt hast. Andere haben das hinreichend erörtert. Die Beiträge von Loser und Karsten, so sehr ich sie oft schätze, haben mir da auch übel aufgestoßen, weil ich es sogar als nichtbetroffener Mitleser als überflüssiges Nachtreten und bloßen Sarkasmus wahrgenommen habe. Ich hatte schon überlegt, was dazu zu schreiben, habe dann aber darauf verzichtet, weil der Faden ohnehin tot wirkte.
Du beschreibst eine typische Form von Staatsversagen, die zu Sicherheitsbedenken führen mag, aber kaum zur "ethisch-moralischen" Erörterung einer Reise nach Mosambik. Bei derartigen Maßstäben würden kaum noch Reiseziele übrigbleiben.
Staatliches Handeln hingegen hat hingegen noch mal eine ganz andere Stufe als bloßes Nichtwahrnehmen staatlicher Aufgaben. Um mal regionale Beispiele zu nehmen (und nicht gleich wieder mit China etc. anzufangen): Ganz oben auf die schwarze Liste der Nichtreiseländer gehören vielmehr Uganda oder Tansania, insbes .z.B. wegen der scharfen staatlichen Verfolgung von Homosexuellen und den daraus resultierenden Übergriffen und auch Tötungen (gibt gerade wieder eine Todesstrafeninitiative in Uganda).

Bestimmte Fluggesellschaften nutzen wir übrigens auch bewusst nicht. ;)
Gruß
Thomas
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02 Apr 2021 16:52 #611432
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Flotho schrieb:
Ganz oben auf die schwarze Liste der Nichtreiseländer gehören vielmehr Uganda oder Tansania, insbes .z.B. wegen der scharfen staatlichen Verfolgung von Homosexuellen und den daraus resultierenden Übergriffen und auch Tötungen (gibt gerade wieder eine Todesstrafeninitiative in Uganda).

Dieses Problem gibt es allerdings in vielen Ländern Afrikas.

Gruß
Wolfgang
Mit dem Fahrrad unterwegs in Namibia, Zambia, Zimbabwe, Malawi, Tanzania, Kenya, Uganda, Kamerun, Ghana, Guinea-Bissau, Senegal, Gambia, Sierra Leone, Rwanda, Südafrika, Eswatini (Swaziland), Jordanien, Thailand, Surinam, Französisch-Guyana, Alaska, Canada, Neuseeland, Europa ...
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02 Apr 2021 16:58 #611433
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HeiVi schrieb:
Ach ja, und ich fliege NICHT Katar Airways. Das mag auch ein kleines bisschen mit moralisch/ethischen Gründen zusammenhängen.

Ich frage jetzt mal völlig naiv nach dem Grund. Ich weiß wirklich nicht, wie dort die politische Situation ist, ob die Fluggesellschaft staatlich ist und in irgendwelche üble Dinge verstrickt ist oder was Dich sonst zu dem Entschluss gebracht hat. Es interessiert mich aber.

Auch ich habe Länder im Kopf, die ich nicht bereisen möchte. Einerseits möchte ich sie zwar aus Interesse bereisen, aber andererseits halten mich die politischen oder rechtlichen Zustände davon ab.

Gruß
Wolfgang
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02 Apr 2021 17:30 #611434
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Hallo Wolfgang,
schau mal in Deine Postbox.
Grüße,
HeiVi
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02 Apr 2021 17:48 #611436
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Hallo HeiVi
Nach ethisch/moralischen Grundsätzen zu handeln oder handeln zu wollen, zumindest so weit möglich, ist anständig und darüber gibt’s für mich gar nix zu diskutieren. Ich achte das. Auch Nichts zu kritisieren, weil das eine höchstpersönliche Entscheidung ist, die sowieso niemanden etwas angeht.
Deine Einschätzung zu Mosambik und seinen Optionen im Umgang mit der Situation teile ich aber überhaupt nicht, das sehe ich ganz anders. Es hat aber mit obig gar nichts zu tun.
Was könnte Mosambik auch bei gutem Willen effektiv ausrichten und mit welchem Mitteln? MM im Alleingang wenig. Es ist seit Jahren an der Grenze zum failded state. Trotz großer Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, zwei (? oder mehr) Schuldentilgungen, noch mehr Milliarden, davon ein paar Veruntreute (die aber ein eigenes Thema sind) und daher Null Kreditwürdigkeit, ist für eine wirkungsvolle militärische Intervention einfach kein Geld vorhanden. Diese müsste ja auch über Jahre aufrechterhalten werden. Auch die SADC könnte das nicht stemmen, auch wenn Mosambik dem zustimmen würde*). Über ein paar Jahre sind das Milliardenbudgets.
Dann die gewaltige Ausdehnung des Staates, die einerseits eine logistische und kostenmäßige Herausforderung ist und in welchem auch nie eine identitätsstiftende „Staatenwerdung“ stattgefunden hat. Palma ist von Maputo fast so weit entfernt, wie Oslo von Neapel (ein Vielvölkerstaat wie Myanmar, wo ja auch schon seit Jahrzehnten einige ethnisch und religiös motivierte Guerillatruppen ihr Territorium behaupten). Die Motivation der schlecht bis unbezahlten Soldaten aus Maputo oder Tete wird sich in Grenzen halten. Und das gegen fanatisierte religiöse Eiferer?! Ich bin da pessimistisch, ich traue das dem „Staat“ nicht zu, unter Anführungszeichen, weil er nie einer war und nicht geworden ist.
Längerfristig könnte mE gegen diese Bedrohung nur „international“ geholfen werden, politisch wie militärisch. Das Interesse zur Verhinderung einer weiteren Basis für militante Islamisten sollte wohl gegeben sein, trotzdem ist das derzeit Zukunftsmusik. MW will bisher Mosambik das auch selber nicht*).
Also werden wohl Frankreich und RSA u. a. die Mannschaftsstärke ihrer „Männer für’s Grobe“, die schon vor Ort sind, weiter aufstocken müssen. Allerdings dürften bei dem Überfall in Palma auch Geiseln genommen worden sein, was alles noch komplizierter macht.
Aus obigen Gründen sehe ich keine praktische Auswirkung darin, wenn einzelne Touristen Mosambik durch touristischen Besuchsentzug „motivieren“ wollen, "endlich" etwas gegen die Islamisten zu unternehmen.
Aus meiner Sicht war obig auch nicht polemisch, weil ich versucht habe, meine Meinung zu begründen. Dass bei der hier angesprochenen Fragestellung ein Hinweis auf „Gesinnungs- vs. Verantwortungsethik“ sowie das bisher nicht gegebene Interesse Mosambiks an militärischer Unterstützung*) als „Sarkasmus“ aufgefasst werden könnte, verstehe ich auch nicht, es muss aber nicht weiter darauf eingegangen werden. Vielleicht sollte man nicht „kurz und bündig“ sein.
Grüße
PS: Ich fahre auch schon lange nicht in die Türkei, weil mir andere Länder sympathischer sind, bin aber schon mit Turkish nach SA geflogen, weil ich mir die LH nicht leisten konnte. Zimbabwe ist übrigens auch ein Unrechtsstaat…… kann fortgesetzt werden. Die Golfstaaten mit deren Fluglinien gerne geflogen wird, sind Unrechtsstaaten der übelsten Sorte, alles was dort steht wurde mit Sklavenarbeit und unzähligen Toten aus deren Herkunftsländern errichtet, endloses Thema.
Letzte Änderung: 03 Apr 2021 18:35 von loser.
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