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THEMA: Geht in die Living Museum!
27 Dez 2011 12:59 #217573
  • lilytrotter
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  • lilytrotter am 27 Dez 2011 12:59
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Geht in die Living Museum!


Immer wieder wird hier im Forum von Reisenden das Bedürfnis geäußert, die traditionelle Kultur der unterschiedlichen Stämme kennenzulernen.
Ganz vorn in der Hitliste stehen die Himba, die San, weit dahinter die Damara, – nach Nama, Herero, Ovambo hat in den letzten Jahren keiner fragt...


Wenn man als Reisender Interesse an den z.T. noch sehr ursprünglich lebenden Ethnien eines Landes hat, ist eine gute Vorbereitung nicht ganz unwichtig. Mit Hilfe einiger guter Bücher kann man sich ein gutes Grundlagenwissen über das Volk aneignen, das einen interessiert. Es hilft einem, das, was man dann vor Ort sieht und erlebt, besser zu verstehen und einzuordnen. Und nebenbei freuen sich Diejenigen, die man besucht, wenn sie merken, dass man schon etwas über ihr Volk weiß. Denn es zeigt ihnen, dass man sich wirklich für sie interessiert.
Auch ein gewöhnlicher Museumsbesuch bietet dem Reisenden eine gute Informationsquelle, wenn er etwas über Land und Leute und die Facetten der Landesgeschichte und Kultur erfahren will. Museen sind die idealen Orte, um sich, schnell konsumierbar, einen Überblick zu verschaffen, wenn man mehr über Ethnien und deren Kultur erfahren will. Und man begibt sich nicht in die peinlichen „Begaffen-Situationen“.

Eine sehr gute Möglichkeit: Man nehme sich viel Zeit und halte sich auch länger in Dörfern und Städten auf! Die meisten Reisenden meiden Dörfer und Städte, wünschen sich jedoch gleichzeitig Kontakt zu einigen ausgewählten Ethnien. Das ist ein Widerspruch in sich.

Wirklichen sozialen Kontakt bekommt man nur, wenn man sich viel Zeit nimmt, sich an einem Ort länger aufhält, an dem man mit den Menschen Kontakt wünscht (- und die Einheit für „viel“ ist nicht Minuten, sondern Tage! Das ist in unserer Kultur nicht anders.).
Alles andere, jeder noch so gut gemeinte Besuch, bleibt voyeuristisch. Und man sollte sich darüber im Klaren sein, dass jedem Kurz-Besuch bei einem Stamm, egal wie „gut“ man ihn hinkriegt, diese Komponente innewohnt.

Der Wunsch eines Reisenden, einen Blick in eine fremde und spannende Kultur zu werfen, ist mehr als verständlich. Und ist auch durchaus gewünscht! Welches Volk würde schon gerne von sich sagen müssen, dass man an ihm keinerlei Interesse habe?

Wenn man lebendige traditionelle Kultur sehen will, kann ich nur empfehlen:
Geht in die Museumsdörfer, um etwas über die traditionelle Lebensweise der Bevölkerung zu erfahren und mitzuerleben!
Namibia hat da eine sehr fortschrittliche Organisation und hat schon einige dieser „Living Museum“ zu bieten.
Siehe LCF: www.lcfn.info/
(auch hier im Forum steht schon einiges über sie geschrieben!)

Lebendige Museen werden seit Jahren auch in Europa und weltweit aufgebaut und sind faszinierende Orte, um sich (auch in der eigenen Heimat) den Wurzeln der Kultur zu nähern.

Ja. Das wirkliche Leben ist es natürlich nicht, aber eine sehr gute Abbildung dessen, was einmal das wirkliche Leben war oder gar in Teilen noch ist.

Wäre da nur nicht der immer wieder geäußerte kritische Anspruch: Im Museum würde die Authentizität fehlen. „Alternativ“ werden von machen Lodges mit Gästen gewisse Dörfer aufgesucht. Dort, wird häufig berichtet, hätte man sich wie in einem „Menschen-Zoo“ gefühlt. – Ja, diesen „Zoo“, den kreiert man mit, sobald man zum Ansehen in solche „Schaudörfer“ geht und ebenso überall dort, wo man es „mal eben schnell“ auf eigene Faust versucht oder sich „mal eben schnell“ den Kontakt über einen Mittelsmann ermöglicht. Und - dort ist es dann auch gut, sich wie im Zoo zu fühlen, damit man weiß, was man da gerade tut.

Denn, auch wir würden uns "wie im Zoo" vor kommen, wenn bei uns am Gartenzaun plötzlich Gruppen Japaner oder Araber stehen würden, sich in unseren Alltag drängen und um Einlass bitten, um unseren Tagesablauf und unsere Wohnung anzusehen und zu fotografieren (selbst wenn wir dazu aus wirtschaftlicher Not ja sagen würden!).

Hier in Europa haben wir, zum Erhalt und aus Interesse an unserer Kulturgeschichte, Museen und Museumsdörfer, diese stehen natürlich auch dem interessierten Touristen zur Verfügung und das wird auch gut angenommen. Und beide Seiten, Einheimische und Touristen freuen sich über das gegenseitige Interesse.

In lebendigen Museen, ob hier oder dort, kann man darüber hinaus sogar mitmachen, Fragen stellen und Menschen fotografieren, soviel man will, - denn dafür sind die Leute in diesen Museen da und sie geben sich Mühe, möglichst authentisch und möglichst gut zu sein, das ist ihr Ziel. Und sie wären enttäuscht, wenn keiner käme und das Museum besucht, weil er meint, dass er die Leute in den Trachten, beim spinnen, beim Tanzen nicht fotografieren mag, weil das "wie im Zoo" sei.
Denn, das ist eben der Unterschied: Das ist kein Menschen-Zoo, das ist Dienstleistung! Das ist Theater, das ist museal, das ist gelebte Geschichte, das ist Bildung, … die Leute sind extra dafür da!
Bei uns oft ehrenamtlich, in Namibia verdienen sie damit ihr Geld zum Leben, in den extra hierfür aufgebauten Dörfern.

Ebenfalls ein großes Plus dieser lebendigen Museumsdörfer:
Quasi nebenbei, bieten sie dem jeweiligen Volk/Stamm eine Möglichkeit, ihre Kulturgeschichte zu pflegen und zu wertschätzen, denn, - und da sollte man sich nichts vormachen, - auch bei den namibischen Ethnien, sind nicht mehr alle Kulturtechniken und alles alte Wissen vorhanden (das haben die Leute beim Aufbau des Living Museum Damara deutlich feststellen müssen, sie mussten selber erst mal forschen und die Alten zu Rate ziehen). Vieles war verschüttet, was man z.T. als altmodisches ‚Tribal Knowlege‘ abgetan hatte, im Bedürfnis modern zu leben und zu denken. Da sind die namibischen Völker nicht viel anders, als die meisten Menschen aller anderen Völker der Welt.

Der Besuch eines Living Museum und anderer Einrichtungen, die extra für Besucher konzipiert sind, sind also genau die richtige Wahl, um sich über diese Ethnien zu informieren und Kontakt zu ihnen aufzunehmen! Sie passen genau in den Rahmen der touristischen Bedürfnisse.

In diesem Sinne
Grüße Lilytrotter
Letzte Änderung: 27 Dez 2011 13:01 von lilytrotter.
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27 Dez 2011 13:27 #217577
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  • Butterblume am 27 Dez 2011 13:27
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Hallo,

zum Thema "Touristen wollen den edlen Wilden" gab es in der Zeit am 07.12. ein interessantes Interview:
Traditionen werden zu einer Art Prostitution, wenn sie nur noch für Touristen gelebt werden. Da posiert ein Indianer im Federkostüm für den Besucher und geht mit dem Geld anschließend in den Pub. Viele Reiseveranstalter verstärken das Problem, indem sie die Tradition als Exotik vermarkten. Aber wenn die Tradition nur noch dem schnellen Geld dient, dann ist der Kulturverlust total.

Liebe Grüße
Marina
Das Morgen gehört demjenigen, der sich heute darauf vorbereitet. Afrikanische Weisheit

www.butterblume-in-afrika.de
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27 Dez 2011 15:12 #217593
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Hallo Zusammen,

erst mal Danke an Lillytrotter. Du hast Dich sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich hoffe, dass jeder Fomi, der sich mit dem Gedanken beschäftigt, die Menschen dieses Landes in ihren ursprünglichen Gebieten aufzusuchen, Deinen Artikel liest. Wie er sich dann danach entscheidet, ist dann seine Sache.

@Marina: Danke auch an Dich. Auch Dein Argument, das Du uns als Auszug aus dem Interview zur Kenntnis bringst - ist nicht von der Hand zu weisen. Sehe ich mir in Walvis Bay - da wo die Delfintour startet - oder in Swakopmund oder Windhoek die vielen Himba-Damen an, dann ist das eindeutig ein Sich-zur-Schau-Stellen und hat mit der ursprünglichen Kultur nichts mehr zu tun. Hier wird die Kultur der Völker missbraucht, um möglichst viel Kohle zu machen. Ob das bei den Living-Museen anders ist? Ich weiß es wirklich nicht, denn wie will ich als Besucher eines solchen Dorfes erkennen, was die Menschen, die dort oft nur zeitweise leben, wirklich denken. Übrigens, das "zeitweise" könnte ein wichtiges Indiz dafür sein, ob die Menschen ihre Kultur tatsächlich noch leben oder ob ihre Zur-Schau-Stellung nur dem Zweck dient, Geld zu verdienen. Aber ist das verwerflich, wenn einem die Lebensgrundlage aus welchen Gründen auch immer entzogen worden ist? Ich denke nein.

Aber selbst in den Dörfern, in denen die Menschen tatsächlich noch in ihrer Kultur leben, muss ich mir immer gegenwärtig sein, dass der Fortschritt auch dort nicht ganz und für immer Halt macht. Das kommt in dem Interview sehr gut zum Ausdruck:

Die Suche nach dem Ursprünglichen und "edlen Wilden" bewegt sicherlich viele deutsche und generell westliche Urlauber, zu diesen Völkern zu reisen. Dieses Konzept aus dem 19. Jahrhundert ist natürlich Quatsch. Wenn man einen Tuareg fragt, wo denn der Karawanenhandel stattfindet, lacht der nur. Er wird einem wahrscheinlich sagen, dass Jeeps die Kamele des 21. Jahrhunderts sind. Touristen sollten sich davor hüten, von diesen Völkern einen Exotismus zu erwarten, den es nicht mehr gibt. Man sollte also nicht frustriert sein, wenn einem plötzlich ein Eingeborener mit iPhone und Laptop gegenübersitzt. 


Liebe Grüße (heute zum letzten Mal von der Atlantikküste)
Gerd

PS: Ich habe da noch eine Ergänzung. Wie der eine oder andere Leser schon bemerkt hat, empfehle ich gerne Opuwo. Warum? Weil ich hier das Leben der Menschen erleben kann, ohne dass die sich um mich kümmern. Sie gehen dort Ihrer Arbeit oder Ihrer Vergnügen nach und denken nicht daran, sich mir "zur Schau zu stellen".
Letzte Änderung: 27 Dez 2011 15:15 von Gerd1942. Begründung: Ergänzung
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28 Dez 2011 19:10 #217742
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  • Sebastian Dürrschmidt am 28 Dez 2011 19:10
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Hallo Marina,

ja ... mal wieder steht die Kritik so allein im Raum an der touristischen Ausbeutung der indigenen Kultur in den "Schaudörfern". Das Glas ist bei dieser schwierigen Thematik auch öfter halbleer als halbvoll.

Tatsächlich ist es bei "unseren" Lebenden Museen so, dass ein Arbeitsplatz für die Völker Namibia geschaffen wird, indem sie ausschließlich traditionelle Kultur darstellen. Es ist weniger ein Theater, was oft vorgeworfen wird, sondern tatsächlich mehr ein Museum, indem der Besucher eigentlich die zentrale steuernde Rolle spielt und auf ihn eingegangen wird.

Durch die Schaffung dieses Arbeitsplatzes versuchen wir zu verhindern, dass Touristen andauernd in das Privatleben der Namibier eindringen (Ovahimba etc). Ein wichtiger Aspekt ist aber auch, dass stets Kinder im Museum dabei sind, die ihre traditonelle Kultur so wieder aufnehmen, was anderfalls nicht geschehen würde. Ein Lebendes Museum ist also ein kommunales Business und eine Schule zur Wahrung der Tradition.

Natürlich macht man mit seiner traditionellen Kultur im Lebenden Museum Geld, ohne die Lebenden Museen würden die nambischen Traditionen aber noch schneller aussterben. Im Gegenteil: Im Damara-Museum wird Kultur gezeigt, die bereits ausgestorben war und ziemlich aufwendig von der LCFN und den Akteuren des Museums rekonstruiert wurde. Die Akteure sind äußerst stolz auf das erreichte, das geht über die bloße Zur-Schau-Stellung bei weitem hinaus, es gibt stets einen Lerneffekt.

Was die Individuen dann mit dem verdienten Geld machen, ist ihre Sache. Unsere Erfahrung zeigt aber das mitnichten alles nur in Pubs oder Sheebeens umgesetzt wird.

Sebastian Dürrschmidt
Living Culture Foundation Namibia
www.lcfn.info
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28 Dez 2011 19:48 #217746
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Reinhard
Letzte Änderung: 28 Dez 2011 19:55 von Reinhard1951.
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28 Dez 2011 19:50 #217748
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Reinhard
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