THEMA: Namaqualand und Kalahari im August 2021
11 Aug 2021 13:59 #622920
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Oh toll the Blumenwiesen :) Auch was auf meiner Reise-Bucket-Liste :)

Ich setzte mich hier dazu und lese mich mal durch Deinen Bericht.

Viele Grüße
Conny
Afrikareisen: Südafrika (2015), Tansania (2017), Seychellen (2018), Uganda und Ruanda (2018), Kenia (2019) --- to come: Namibia 2021
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12 Aug 2021 10:29 #622962
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Das Projekt
Die Woche verbrachten wir mit Feldarbeit. Wir untersuchen das Sozialsystem der Buschkarooratte (BKR; Otomys unisulcatus), um zu verstehen, wie und warum Tiere solitär leben. Die BKR ist gut 100g schwer und ein flauschiger runder grauer Wollbäul, mit kleinen schwarzen Augen. Dankbarer Weise sind sie tagaktiv und leben in großen Nestern, sogenannten Stick Lodges, an denen sie ständig rumbauen, als wären sie die Schwaben Südafrikas. Solche Lodges werden von vielen Generationen von BKRs benutz, die größte bei uns von mindestens 20! Bisherige Studien deuten darauf hin, dass sie Einzelgänger sind, eine Sozialform, die bisher viel zu wenig Interesse von der Wissenschaft bekommen hat. Meine Doktorandin Charlotte in Strasbourg arbeitet theoretisch über soziale Organisation von Säugetieren, und alles deutet darauf hin, dass bei dieser Tiergruppe die solitärr Lebensweise nicht die ursprüngliche Form ist. Tatsächlich gibt es bereits für Cynodonten, Vorfahren der Säugetiere die vor 250 mio Jahren lebten, Hinweise, dass diese in Paaren oder Gruppen gelebt haben. Und das allgemeine Bild, die meisten Kleinsäuger wären halt solitär, territorial und sehr aggressiv gegenüber Fremden, zu denen ihre Jungen gehören, wenn diese älter werden, beruht mehr auf Meinungen als auf wissenschaftlichen Fakten.
Das bestätigt schon ein erstes vorläufiges Ergebnis unserer Studien: Es ist nicht so, dass die Mutter die Jungtiere verjagt, wenn diese älter werden. Tatsächlich kommt es häufig vor, dass die Mutter selber wegzieht! Sie überlässt den Jungen ihre Lodge und siedelt selber in eine andere Lodge in ihrem Territorium um. So kann man auch das Hotel Mama vermeiden?
Woher wissen wir das? Wir untersuchen alle Lodges auf dem Field Site von 6ha, welche bewohnt sind und von wem. Wir fangen die Tiere 5 Tage die Woche in Fallen und markieren sie. Morgens und abends sitzen alle Studenten jeweils für 30 Minuten vor einer Lodge und beobachten die Tiere, nehmen alle Verhaltensweisen auf. Das Gebiet ist sehr offen, die Tiere wie gesagt tagaktiv, und schon einiger Massen an uns gewöhnt. So ging ich jeden Morgen und Nachmittag mit den Studenten raus um zu fangen, und konnte da dann doch einige Sachen einbringen, wie es besser gemacht werden kann. Dabei haben sie die Sache sehr gut gemacht und alle Daten bekommen, die wir brauchen. Aber nach 20 Jahren Erfahrung gibt es einfach einige Sachen, die man beachten muss, um Fehler in Zukunft (z.B. von weniger guten / motivierten Studenten im Projekt) zu vermeiden. Und ich beobachtete auch meine BKRs, so dass das Datenblatt hierzu verbessert werden konnte.







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12 Aug 2021 10:31 #622963
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Es fängt an zu blühen
Die erste Woche war recht warm, und ab Donnerstag blühte es wirklich überall. Rote, gelbe und orange Blumenfelder waren zu sehen, und gemischte Gebiete mit allen möglichen Arten. Seit 2014 die beste Wildblumensaison! Zum erste Mal überhaupt gibt es hier auch zahlreiche Wildlilien (Ornithogalum), für die unsere Gegend eigentlich nicht bekannt ist. Die dominanten Wildblumenarten (sorry, ich kenne nur die lateinischen Namen) sind aber von den Asteraceen, vor allem Senecio elegans, Senecio cardaminifolius, Pentzia grandilora, Ursinus, und Osterspermum. Weitere Arten werden aber folgen, so gibt es erste Arctotis zu sehen, von denen später ganze Felder Teile des Reserves Orange färben werden.

Nachtfahrt am Samstag 7. August
Am Samstag machten wir dann eine Nachtfahrt (als Wissenschaftler darf man das in Goegap, als Tourist müsste man Maxie fragen, die wahrscheinlich nein sagen würde). Es war Neumond, noch relativ warm, sollte aber bald kälter werden, so dass es ein guter Tag dafür war. Da ich erwartete, dass es nachts dann doch kalt wird, und somit die Nahrung für Erdferkel und Erdwolf, beide recht häufig im Reservat und Termitenfressen, dann nicht mehr da ist, erwartetet ich, dass die nachtaktiven Tiere recht früh aufstehen würden. Also fuhren wir bereits um 19:00 los, als es bereits ganz dunkel war.
Wir fuhren wieder auf die 4x4 Route, den Klippass hoch nach Ja-leegte, aber nicht den steilen Witsandpass, sondern die Ja-leegte Runde und zurück via Klippas, gut 2 Stunden. Wir sahen natürlich viele Bergzebras, aber auch Schakale, Kapphasen und die interessanten Felsenkaninchen mit ihren roten Hintern und dunklen Schwanzknuffel. Immer eine gute Gelegenheit, die Studenten zu testen, ob sie den Unterschied zwischen Kaninchen und Hasen kenne. Kannten sie aber nicht: Hasen sind Nestflüchter (Junge sehen aus wie kleine Erwachsene), Kaninchen Nesthocker (Junge sind rote Würmer). Auch einige Kappuhus gab es zu sehen, sowie auf der Straße Wüstenrennäuse (Gerbillusrus paeba).
Bei Ja-leegte hielt ich an, machte das Auto aus, und wir stiegen aus. Hier in der Ebene, ohne Lichtverschmutzung, bestaunten wie die Milchstraße, das Southern Cross. Venus und Jupiter waren so hell, dass wir sie vom Auto aus als ferne Scheinwerfer missinterpretiert hatten. Der Sternenhimmel war einfach unglaublich.
Nachdem wir den Klippas heruntergefahren waren, dann noch das Highlight: Ein Erdferkel, vielleicht 20 Meter vom Auto entfernt, sehr gut zu sehen in unseren Scheinwerfern. Aufgeregt rannte es weg. Normaler Weise sind sie immer schnell in einem Erdloch verschwunden, aber hier schien keines zu sein. Das Tier rannte dann sogar einen kleinen Hügel (Kopjie) hinauf, was ich bei einem Erdferkel noch nie gesehen haben. Für Lindelani und Emily war es das erste Erdferkel, das sie je gesehen haben. (Erdwolf haben wir offiziell keinen gesehen, wobei Tammy einen „Schakal“ gespottet hat, recht weit war und trotzdem schnell vom Auto wegrannte. Eigentlich typisches Erdwolfverhalten, während ein Schakal stehen bleibt, schaut und evtl. sogar näher kommt. Ich habe diesen „Schakal“ gar nicht gesehen, kann also nicht entscheiden, ob es nicht doch ein Erdwolf war).

Sonntag 8. August: Goegap Mountain
Sonntagvormittag checkte ich den Hilux, aber aller schien ok zu sein. Nachmittage fuhr ich dann in die Goegap Mountains, diesmal ohne Studenten.
Es ging wieder auf die 4x4 Route, dann aber nicht rechts zum Klippas sondern nach links, und nach einiger Zeit in die Berge hoch. Auch hier macht es Spaß, mit einem 4x4 zu fahren. Ich würde dann die Abbiegung rechts zur Blue Mine, eine der ersten Kupferminen Namaqualands, empfehlen, für richtiges 4x4 Feeling: Der Anstieg hat eine schwierige Stelle, die Straße ist dann sehr eng, und schließlich geht es auf einem glatten Felsen den Berg hinunter. Heute fuhr ich aber weiter gerade aus, auf eine Hochebene, von der aus man eine Aussicht auf das Städtchen Concordia hat. Weiter ging es bergab, mit schönen Aussichten, zum Wasserloch Slangwater und zurück zur Station.
Es gab schöne Aussichten zu genießen, aber es blühte noch nicht viel, auch wenn man hier und da die ersten gelb blühenden Büsche sehen konnte. Es hatte so viel geregnet, dass oben im Flusslauf einige Tümpel waren. Darin gab es Kaulquappen, eine Seltenheit in dieser Halbwüste. Es waren Kaulquappen der hier vorkommenden Krötenart Bufo gariepensis. Am Wasserloch SLangwater, das sehr voll aber auch sehr trübe war, konnte ich aber keine der kleinen Grünfrösche Rana fuscilgula endecken; vielleicht war es zu kalt gewesen.
Für die Tour brauchte ich kann 3 Studen. Wenn man die ganze 4x4 Route fährt (die ich auf 2 Sonntage aufgeteilt hatte), sollte man gut 6 Stunden einplanen. Da das Licht zum Fotografieren aber Nachmittags immer am besten ist, und ich ja eh da bin, fahre ich meist nur immer die Hälfte.
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12 Aug 2021 10:35 #622964
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Letzte Änderung: 11 Sep 2021 21:59 von CarstenS.
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12 Aug 2021 10:37 #622965
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Town Day: Am Mittwoch den 11. August zum Einkaufen nach Springbok
Auch wenn ich geimpft bin, möchte ich das Risiko verringern. Mittwoch morgens ging ich nach Springbok, war um 8:00 beim Spar einkaufen, auch für den Trip in die Kalahari. Der Spar war noch leer, manche Regale aber leider auch. Frisches Brot war noch keines da (bekommt man ja aber an jeder Tankstelle), und auch keine Leberwurst. Aber sonst bekam ich eigentlich alles.
Dann bin ich 8:45 doch zu AutoMac gefahren. Ich machte mir große Sorgen, wie sich herausstellte zu Recht: Der Chef war da, erzählte mir aber, er wäre vor 2 Wochen positiv auf Corona getestet worden. Dabei hatte ich ihn vor 10 Tagen getroffen, als er noch auf sein Ergebnis gewartet hatte. Er hatte also trotz begründeten Verdacht weiter gearbeitet, bis das Ergebnis letzten Montag kam (Freitag war er getestet worden), ging dann für 4 Tage in Quarantäne nach Hause, und war Samstag wieder in der Werkstatt, da er sich wieder besser fühlte. Zwar waren am Wochenende keine Angestellten da, aber natürlich ab Montag. Damit hat er seine Angestellten (die inzwischen alle negativ getestet waren), gefährdet. Man kann es ihm einfach nicht erklären, es kommen die Argumente „ich fühle mich doch schon besser, … ich muss doch Geld verdienen.“ Ich erkläre dann immer, warum man trotzdem zu Hause bleiben muss (um andere zu schützen) und dass das auch finanziell besser ist, als wenn viele krank ausfallen oder gar sterben. Aber das sollte doch allen klar sein? Aber hier in Südafrika gilt halt: Ich muss arbeiten, und Geld verdienen. Es sei denn, man arbeitet für den Staat und wird so oder so bezahlt. Viele Ämter und öffentliche Stellen arbeiten kaum noch. Die Leute sitzen zu Hause und haben gar keine Lust mehr, zur Arbeit zurück zu kommen. Eine Freundin von uns, die auf dem Amt in Kapstadt arbeitet, war in den letzten 1,5 Jahren fast nie im Büro und hat gar nicht gearbeitet. Auch beim Permit Office in Kimberley geht seit 2020 nichts mehr. Dafür sehe ich die Leute dann auf Facebook, wo ich mit dem Chef der Permit Section befreundet bin, am Strand, beim Cricket, oder beim Braai mit Freunden. Auch die Arbeiter von Goegap kann Maxie nur schwer zum Arbeiten motivieren.
Der Chef von Automac sieht noch immer sehr schwach aus. Er meinte, am Samstag hätte er an einer Kanne geschnüffelt, um herauszufinden, ob es Diesel oder Benzin sei, er können aber nichts riechen. Er ist fast 70, sein jüngster Sohn, der noch im Ort lebt, um die 30. Auch der Sohn wurde positiv getestet und ist für 2 Wochen in Quarantäne. Früher darf er nicht zurück zur Arbeit (Mine in Kathu). Aber wenn man sein eigener Chef ist, dann hält einen halt niemand zurück.
Schlimm getroffen hat es die Ehefrau. Ihr ging es letzte Woche sehr schlecht, dann Freitag besser. Samstag ist sie dann aber zusammengebrochen und ins schlecht ausgerüstete Krankenhaus von Springbok bekommen, wie sie Sauerstoff bekommt. Besuchen darf sie ihr Ehemann nicht, nur per Handy mit ihr reden. Ich hoffe wirklich, dass es ihr bald sehr viel besser geht, und dass im Umfeld nicht noch viel mehr Corona Fälle auftreten, auch wenn dieser Wunsch unwahrscheinlich ist.
Dann bekam ich noch einen neuen Ersatzreifen (der alte, obwohl er neu war, hatte komischer Weise während Corona ein nicht reparierbares Loch an der Seite bekommen), und war beim Getränkemarkt. Dann um 12:00 zurück zur Station, bereits das Auto für die Kalahari packen, dann meine (nun leereren) Zimmer sauber machen. Und danach noch viel Energie in das Aufräumen unseres Abstellholzhauses investiert, ein altes Wendy Haus, das fast schon umfällt. Vieles weggeschmissen, das Wichtigste in ein besseres, schönes Wendy Haus transportiert und nur alte Käfige im kaputten gelassen.

P.S. Die Studenten haben auf meinen Rat und Warnung gehört: Anstatt ins Restaurant zu gehen haben sie sich auf einen Parkplatz gestellt und mehr als 2 Stunden lang im Auto am Computer gearbeitet: An der Station gibt es ja kein Internet und keinen Handyempfang.
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13 Aug 2021 13:45 #623064
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Noch mehr Corona Geschichten

Am Abend erzählte ich den Studenten von AutMac und was mir Maxie über die südafrikanischen Touristen erzählt hatte. Darauf meine Tammy, bei der Gästfarm ihrer Eltern wäre vor kurzem was ganz ähnliches passiert. Ein südafrikanischer Tourist hatte ein Cottage für 3 Tage gebucht. Am zweiten Tag meinte er, er sei übrigens Corona positiv getestet. Aber da er nichts spürt, trotzdem in Urlaub gegangen.
Dass Leute, bei denen jeder Tage Verdienstausfall Hunger bedeutet, sich bei Symptomen nicht testen lassen wollen oder zur Arbeit gehen, wenn sie positiv sind, ist für die Pandemie schlimm. Aber dass sich selbst Leute der gehobenen Mittelschicht, die sich freie Tage mit Urlaub leisten können, sich derart gewissenlos und egoistisch verhalten, ist moralisch noch eine ganz andere Dimension. Für europäische Touristen, die jetzt nach Südafrika fahren, sind also vor allem auch südafrikanische Touristen eine Gefahr. Das hätte ich vor meinem Trip hier runter nicht für möglich gehalten, ja, daran hätte ich nie gedacht.
Anderes Beispiel: Maxie erzählte von einem Tourunternehmer aus Kapstadt der anrief, ob er das Goegap Nature Reserve mit einem Bus mit 30 südafrikanischen Touristen besuchen kann. Maxie fragte, ob die geimpft sind, was er verneinte. Sie erzählte ihm von einem Reisebus an der Grenzte nach Namibia (Violsdrift), wo sich 25 Leute im Bus infizier haben, mehrere sind gestorben. Ob er es nicht moralisch falsch hielte, seinen Gästen dieses Risiko auszusetzen. Er meinte, das sei ihm inzwischen scheißegal, er müsse halt Geld verdienen. Auf die Idee, eine Tour nur für Geimpfte zu machen (von denen es in SA inzwischen genug Senioren gibt, welche die Namaquablüte sehen wollen), kam er gar nicht. Maxie hat ihm verboten, nach Goegap zu kommen!
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