THEMA: Namaqualand und Kalahari im August 2021
08 Aug 2021 13:29 #622738
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Namaqualand und Kalahari im August 2021
Ein Bericht aus der 3ten Welle der Corona-Pandemie in Südafrika

Woche 1, 30. Juli bis 8. August

Also saß ich am Freitag den 30. Juli im Zug auf dem Weg zum Flughafen nach Frankfurt. Und bereute es, denn der Zug war randvoll, ich musste teilweise sogar stehen. In den letzten 1,5 Jahren hatte ich glaub nicht so viel Kontakt zu Fremden, wie während dieser 2 Stunden Zugfahrt von Kehl nach Frankfurt. Dabei hatte ich nur umweltfreundlich sein wollen, und deshalb nicht das Auto genommen.

Ebenso ging es nun zum ersten Mal seit 1,5 Jahren wieder nach Südafrika. Seit 21 Jahren arbeite ich dort, insgesamt habe ich über 90 Monate meines Lebens dort verbracht. Ich habe hier 2001 das Striemengrasmausprojekt und die Succulent Karoo Research Station aufgebaut (www.stripedmouse.com; www.facebook.com/groups/stripedmouse). Seit 2005 war die Station permanent bemannt, erst Corona hatte im März 2020 dazu geführt, dass die lokalen Behörden sie geschlossen haben. Das Goegap Nature Reserve in der Nähe vom Springbok (Northern Cape), wo wir sitzen, sollte als mögliche Quarantänestation dienen. Wir mussten raus. Als das Naturreservat im September 2020 wieder öffnete, ließ mich mein Arbeitgeber, der CNRS in Frankreich, die weltgrößte Forschungsorganisation (ich selber arbeite am IPHC-DEPE in Srasbourg), nicht reisen. Und all mir bekannte Studenten von der University of the Witwatersrand, wo mein lokaler Kooperationspartner Prof. Neville Pillay sitzt und wo ich Honorary Professor bin, die schon ein Mal an der Station waren, konnte nicht helfen.

Zum Glück hatte ich in der Zwischenzeit mit Lindelani Makuya eine andere südafrikanische Studenten getroffen, die bei mir in einem remote internship arbeitete, um eine Datenbank über Sozialsysteme bei Säugertieren zu erstellen. Ein Blick in ihren Lebenslauf zeigte, dass sie auch Erfahrung mit dem Fangen von Kleinsäugern hatte. Zum Glück willigte sie ein, mit zwei rekrutierten Feldassistentinnen (die nachher ziemlich unfähig waren), einen Monat an die Station zu gehen und kontrolliert zu fangen, so dass wir wussten, welche die Tiere die Trockenzeit überlebt hatten. Lindelani masterte die Aufgabe hervorragend, und wie stellten sie deshalb ab Januar 2021 als Research Managerin an, um ein neues Projekt aufzubauen: Costs and Benefits of Solitary Living in Bush Karoo Rats. Sie war Januar bis April wieder an der Station und etablierte den neuen Field Site, erstellte Studienprotokolle, und kümmerte sich um die Infrastruktur. Eigentlich wollte ich kommen, um zu helfen, aber wegen der zweiten Welle in Südafrika wegen der langen Sommerferien über Weihnachten, die nun auch mit voller Wucht das Nordkap erreichte, ließ mich mein Arbeitgeber nicht gehen.

Anfang Juli war Lindelani mit zwei Research Assistant zurück, inzwischen als Doktorandin von mir und Neville. Und endlich bekam ich das OK vom CNRS zu reisen: Ich war inzwischen geimpft und im Nordkap sanken als einziger Provinz in Südafrika inzwischen die Zahlen. Zudem war mein Hilux von den Studenten im April nach Kapstadt gebracht worden, so dass ich vom Flughafen direkt an die entlegene Forschungsstation fahren konnte. Ich wollte zwei Wochen an der Station nach dem Rechten sehen, dann eine Woche in den Kgalagadi, und dann nochmals 2 Wochen an der Station. Mit Hin- und Abfahrt also 5 ½ Wochen.

Der Flughafen Frankfurt war viel weniger stressig, als in der vor Corona Zeit. Schnell war ich eingecheckt. Restaurants schienen aber alle zu zu sein. Boarding ging problemlos. Der Flieger war nicht ausgelastet, links neben mir saß niemand, und in der Reihe rechts von mir (ich saß am Gang) auch niemand. Im Flugzeug bekam ich dann noch die Nachricht des Tages mit: Deutschland hatte Südafrika vom Virusvariantengebiet zum Hochrisikogebiet zurückgestuft. Das war natürlich toll, bedeutete dies doch, dass ich nun nach Rückkehr nicht 2 Wochen in Quarantäne musste, und ich meinen Kurs über Ökophysiologie an der Universität Zürich (wo ich habilitiert habe und nun Titularprofessor bin) womöglich doch in Präsenz und nicht via Zoom werde halten können (der Kurs ist 8 Tage nach meiner Rückkehr, wäre also in der Quarantänezeit gewesen).

Es war ein Direktflug von Frankfurt nach Kapstadt, was ich mir normaler Weise nicht leisten kann (er hatte aber mit Zugfahrt nur 880 Euro gekostet), was sehr angenehm war. Um 6:00 Uhr morgens landeten wir in Kapstadt. Außer uns schien kein anderes Flugzeug um die Uhrzeit angekommen zu sein. Für die Kontrolle des Nachweises eines negativen PCR Tests und des Gesundheitsformular, das ich schon in Deutschland ausgefüllt hatte, musste man trotzdem einige Zeit anstehen. Und sobald wir in Südafrika waren, schienen manche die Covid Vorschriften nicht mehr so wichtig. Eine junge Französin stand so nahe neben mir, während sie mit ihren Freundinnen redete, dass ich mich schon fragte, ob wir verheiratet sind. Nach der Gesundheitskontrolle einschließlich Temperaturmessung ging es dann aber bei Immigration sehr schnell, und mein Gepäck war auch schon da, so dass ich kurz nach 7:00 draußen war.

Als erstes ging es zum ABSA ATM um Geld von meinem südafrikanischen Konto abzuheben. Dann traf ich Duncan von African Overlanders, der meinen Hilux zum Flughafen gefahren hatte. Ich setzte ihn an der Tankstelle ab, von wo er einen Uber zurück nahm. Er meinte, das Geschäft ziehe langsam wieder an, und die Situation in Südafrika wäre doch gar nicht so schlimm, vor allem im Vergleich zu Europa.

Covid Situation im Western und Northern Cape

Kommt wohl darauf an, was man mit „der Situation“ meint. Leider steigen die Covid Zahlen im Western und im Northern Cape zur Zeit wieder rasant, seitdem von Level 4 auf Level 3 des Lockdowns gelockert wurde. Die Leute haben alle irgendwelche Masken auf, häufig von sehr geringer Qualität, halten sich aber nicht an Abstände. Bei uns in Springbok (15 000 Einwohner, mit Umfeld wohl 30 000) sind alleine in der letzten Woche 8 Leute an Covid gestorben. Das sind sehr viele, 5% der zu erwartenden Todesopfer, wenn sich alle infizieren würden (wenn man von einer Mortalität von 1% ausgeht, also insgesamt 150 Todesopfer). Viele der über 50 jährigen sind inzwischen geimpft. Aber für mich ist die Situation viel schlimmer, als ich mir vorgestellt hatte, und ich würde meine Kinder hier nicht mitnehmen. Zur Zeit kann ich eine Reise nach Südafrika niemanden empfehlen. Lediglich alten Hasen, die sich sehr gut auskennen und ihren Trip so planen können, dass sie möglichst wenig Kontakt haben, können es wagen. Ich selber bin bisher nur 2x zum Einkaufen in der Stadt gewesen und habe im Gegensatz zu sonst kein einziges Restaurant betreten.
Die Managerin vom Goegap Nature Reserve, Maxie Jonk, erzählte mir von einem besonders beunruhigenden Vorfall: 5 Touristen aus Gauteng waren gekommen, sie blieben mehrere Nächte in Goegap. Beim Health Screening, als sie ins Reservat kamen, war nichts aufgefallen. Eines nachts riefen sie bei Maxie an, sie müssen aus dem Reserve, da sie krank seien, sie solle das Gate öffnen. Es stellte sich heraus, dass drei der Touristen bereits in Gauteng positiv getestet wurden. Aber da sie sich wohl gefühlt haben, wollten sie auf ihren Urlaub nicht verzichten. Zwei der infizierten fuhren zurück nach Gauteng, die beiden Gesunden fuhren weiter in ihren Urlaub, die dritte wurde zurückgelassen. Maxie musste für diese Transport zurück nach Gauteng organisieren.
In Springbok hatten zwar alle irgendwie Masken auf, aber auf Abstand wurde nicht geachtet. Es war zudem Monatsende, so dass die Läden voll waren. Ich werde in Zukunft nur noch unter der Woche früh morgens Einkaufen gehen, wenn am wenigsten los ist.
Am Montag ging ich zu AutoMac, einer Garage, die sich bisher immer um meine Autos gekümmert hatte. Der deutlich über 60 jährige Chef, ein portugiesischstämmiger, die vor über 40 Jahren aus Angola erst nach Namibia und dann nach Südafrika gekommen war, sah gar nicht aus. Er meinte, er fühle sich seit Tagen schlecht, habe aber keinen Husten. Im Gegensatz zu seiner Frau, die noch kränker war und stark hustete. Beide hatten sich am Freitag testen lassen, aber noch nicht das Ergebnis. Ich sagte ihm, er solle doch um Gottes Willen nach Hause gehen um sich auszuruhen und andere zu schützen. Aber er meinte, er könne noch arbeiten, und er würde ja extra Abstand zu mir halten, um mich nicht zu gefährden. Aber wenn er es hat, was sehr wahrscheinlich ist, dann haben es nun auch alle seinen Angestellten, und sein Sohn, der bei ihm arbeitet. Ich will nächste Woche, wenn ich wieder in der Stadt bin, gar nicht zu ihnen gehen, ich will irgendwie die schlechten Nachrichten gar nicht hören!
Auch im Goegap Nature Reserve hatten sich mehrere Angestellte und Arbeiter angesteckt, darunter bereits im Dezember die Managerin (die gesundet und inzwischen auch geimpft ist). Immerhin hat das Management dort in mehreren Meetings die Belegschaft überzeugen können, sich impfen zu lassen, wenn sie an der Reihe sind. Aber vor 2 Wochen hatte es wieder einen Fall gegeben. Eine Studentin, die hier ein Praktikum hat, wurde positiv getestet. Sie hatte sich erst drei Tage, nachdem sie erste Symptome hatte, gemeldet, da sie zu krank zum Arbeiten war. Immerhin in Goegap, wo nur die Hälfte der Leute pro Tag arbeitet, scheint sie aber niemanden angesteckt zu haben.

Ankunft in Goegap und die erste Woche dort (Bilder auf www.facebook.com/groups/stripedmouse)
TEXT FOLGT
Letzte Änderung: 10 Aug 2021 13:21 von CarstenS.
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08 Aug 2021 14:08 #622741
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  • BMW am 08 Aug 2021 14:08
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Guten Tag Carsten,

bin immer dankbar für topaktuelle Infos.................kann so die Situation etwas besser einordnen......in Deiner

Nähe ( Springbok & Umgebung ) scheint die Lage beunruhigend, wenn ich Dich richtig interpretiere.......

LG............................BMW
Letzte Änderung: 08 Aug 2021 14:50 von BMW.
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Danke Carsten, einerseits für die aktuellen Informationen zu Covid im Northern Cape und andererseits zu Deinem Forschungsgebiet.
bleib gesund und komm gut nach Hause.
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08 Aug 2021 16:00 #622749
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Hier mal ein paar Bilder. Einkaufen beim Spar in Springbok. Zwergsukkulenten in der Knersvlakte. Sonnenaufgang an der Station. Das Forschungsteam.
Anhang:
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08 Aug 2021 16:08 #622750
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Hi BMW,
Ich hatte gedacht, das dünn besiedelte Nordkap hätte die 3te Welle hinter sich und nun ständig sinkende Zahlen, so dass es recht sicher ist. Tatsächlich steigen die Zahlen jetzt aber stark an, und das Verhalten der meisten hier erklärt das. Ich denke im Juli 2022 werden 50% der Leute hier infiziert gewesen sein, 50% geimpft.
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Hallo Carsten,

vielen Dank für diesen sehr interessanten (wenn auch in der Sache nicht schönen) Beitrag.
Ich war allerdings sprachlos, als ich über das Verhalten der Touristen las ... unfassbar!
Werden da von Südafrika keine Maßnahmen ergriffen, wenn jemand einen positiven Test hat? Oder waren es südafrikanische Touristen?

Drücke Dir die Daumen, dass es mit dem Forschungsgebiet, der Station etc. bald wieder so weiter geht, wie Du es Dir wünscht. Ich lese aus Deinen Zeilen heraus, wie sehr es Dir am Herzen liegt.

Viele Grüße
Sabine
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