THEMA: Die Loeffels auf Multikultiabenteuertour im Norden
23 Mai 2018 19:43 #522047
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Hallo Beate,
vielen Dank fürs Bilderlob.
Ich gebe zu, ich habe immer Hemmungen, Menschen zu fotografieren und mache das normalerweise auch nicht (Ausnahme: Konzertfotos).
Aber vor allem, wenn die Himbas sich unbeobachtet fühlen, lassen sie sich wunderbare Momente einfangen.
Bei den gezeigten Portraits fand ich jetzt eine dezente, etwas auf "alt" getrimmte Nachbearbeitung in SW sehr passend, um die gezeigten Himbafrauen von ihrer schönsten und charaktervollsten Seite zu zeigen.
LG Stefan

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23 Mai 2018 19:58 #522048
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SA, 28.4.2018: Teil 1: Zu Gast bei den Himbas

Gegen 8 Uhr gibt es ein gemeinsames Frühstück für die vier Holländer und uns beide. Die Holländer reisen heute weiter, ebenso das deutsche Camperpaar, das aber nicht mit uns frühstückt.
Den Smalltalk am Frühstückstisch lassen sie sich aber nicht entgehen.

Marius erwartet heute keine neuen Gäste, damit hat er Zeit für uns und die Himbas, die wir – gestern schon besprochen – heute gerne besuchen möchten.
Nachdem alle abgereist sind und Ruhe eingekehrt ist, brechen wir zu den Himbas auf.
Wir müssen mit unserem Auto fahren, Marius hat momentan nur einen Pickup, da passen vorne keine drei Personen rein. Sein anderes Auto ist gerade kaputt, der Fehler noch nicht gefunden.
Marius erklärt sich gerne bereit uns zu chauffieren. Beladen mit Rolli und den Gastgeschenken rumpeln wir runter zur C43, das Dorf ist knapp 30km von Camp Aussicht entfernt. Es gibt auch noch ein paar andere Dörfer, die Marius mit Gästen besucht, aber nur dann, wenn er mit eigenem Auto unterwegs ist.

Im Dorf angekommen, entpuppt sich dieses wie befürchtet als nahezu rollstuhluntauglich.





Aber die Himbas machen alles möglich: Zwei junge Männer helfen mit, und gemeinsam tragen wir mein Loeffelinchen mitsamt Rolli wie eine Sänfte durch das ganze Dorf.
Auch der in Windeseile entstandene „Markt“ wird für sie auf diese Weise zugänglich, und es wird auch peinlich darauf geachtet, dass Beate das Angebot von jedem einzelnen Stand begutachtet.

Marius ermuntert mich, viele Fotos zu machen. Er ist der Überzeugung, dass die Kultur der Himbas dem Untergang geweiht ist und solche Fotos in zehn Jahren nicht mehr möglich sein werden.

Die Himbas sind Besucher gewohnt und haben keine Probleme damit, fotografiert zu werden.
Dennoch habe ich zunächst Hemmungen, zumal ich generell nicht gerne Personen fotografiere.
Daher frage ich zunächst jede(n), den ich fotografieren möchte, und zeige danach die Bilder. Daran besteht dann immer großes Interesse.


Der Kleine im blauen Anorak trägt übrigens nur diesen, sonst nichts :) :




Auch die Dorfälteste darf ich fotografieren. Sie ist die Witwe des vor zwei Jahren verstorbenen Clanchefs.
Eine stolze alte Dame mit sehr würdevoller Ausstrahlung, ich gebe mir alle Mühe, ihr mit dem Foto gerecht zu werden:


Sie bittet mich auch in ihre Hütte und ich darf dort einige Gegenstände fotografieren:




Natürlich dürfen auch Bilder der Verkaufsstände nicht fehlen:




Wie wir später von Marius erfahren, sind Loeffelinchen und ihr Rollstuhl ein großes Gesprächsthema bei den Frauen.
Besonders eine der Frauen ist sehr aufgeschlossen und würde sich gerne mit Beate unterhalten. Leider scheitert dies an der Sprache, denn Marius ist anderweitig beschäftigt und steht als Dolmetscher nicht zur Verfügung. Schade, das wäre bestimmt eine sehr spannende und interessante Unterhaltung geworden.
So bleibt es bei einigen netten Gesten, und sie hält sich viel in Beates Nähe auf und zeigt ihr alles mögliche von den Verkaufsständen, nicht nur von ihrem eigenen.









Am Ende schenkt sie Beate einen Armreif, eine Geste, die uns sehr berührt. Auch Marius ist davon sehr beeindruckt.

Beate kämpft mit einigen Tränchen der Rührung:


Und hier ist er, gefertigt aus Rinderhorn:


Im Laufe der Zeit stelle ich fest, dass die besten Bilder dann entstehen, wenn die Himbas sich unbeobachtet fühlen. Da ich ausschließlich mit meiner kleinen Sony A6000 fotografiere und die dicke Spiegelreflex im Camp Aussicht gelassen habe, entstehen viele Bilder unbemerkt „aus der Hüfte“, mit Kontrolle über das Klappdisplay.
























Zum Abschluß darf ein Gruppenbild mit Marius und "seinen" Himbas natürlich nicht fehlen:


Natürlich erwerben wir auch ein paar Gegenstände von den Himbas. Aber es ist schon ein fast peinliches Gefühl, wenn mir die Damen nach der Geldübergabe die Hand küssen …

Übrigens sind nicht alle der Frauen traditionell gekleidet und geschmückt, einige tragen auch westliche Kleidung und Frisuren:




Nach rund zwei Stunden verabschieden wir uns von den Dorfbewohnern, um viele Eindrücke reicher. Ein Besuch bei Menschen, die uns sehr berührt haben und uns noch lange beschäftigen.
Auf der Rückfahrt diskutieren wir mit Marius über die Himbas. Der Wandel ist unabwendbar, und auch die äußerlich traditionell scheinenden Himbas leben nicht hinter dem Mond. Bei unserer Ankunft haben wir mehr als ein Handy unter den Röcken verschwinden sehen …
Ob die Himbas wohl einen Weg zwischen ihren Traditionen und der westlichen Moderne finden werden ? Marius ist sehr skeptisch. Wie schon weiter oben erwähnt, er glaubt nicht, dass das traditionelle Leben der Himbas die nächsten zehn Jahre überdauert …







LG Stefan

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23 Mai 2018 22:54 #522063
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Auch bei mir ist eben ein Tränchen geflossen. Zum einen freut es mich ungemein, dass du samt deiner lieben Frau diese wunderbaren Begegnungen mit den Himbas erleben konntest, zum anderen kamen die Erinnerungen an unseren Besuch des Dorfes ganz lebhaft hoch.

Auf einigen deiner Fotos erkannte ich die Wellblech-Klohäuschen wieder, die etwas außerhalb des Dorfes verteilt sind. Marius erzählte uns, sie seien von der EU gestiftet worden, die Himbas würden aber lieber in den Busch gehen wie vorher auch und würden sie als Vorratslager benutzen.

Zumindest eine der Frauen habe ich wiedererkannt, die mit der großen Muschel am Halsschmuck.

Wir waren damals kurz nach der Beerdigung des Clanchefs dort, überall standen kleine Igluzelte, in denen die Gäste nächtigten, die teilweise bis vom Kunene hergekommen waren, deshalb waren auch viele Männer im Dorf. Es brannte noch ein heiliges Feuer, in dessen Nähe wir nicht gehen sollten, und die Hütte der direkten Angehörigen sollten wir natürlich auch nicht betreten.

Mich hat die natürliche Würde und Gelassenheit der Himbas sehr beeindruckt, und dies kommt auch in deinen schönen Fotos zur Geltung, wundervolle Charakterstudien hast du gemacht - danke fürs Zeigen!
Liebe Grüße von Gabriele


Jeder Augenblick ist von unendlichem Wert. (Seneca)
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24 Mai 2018 04:34 #522064
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Lieber Stefan,

bin sehr nachdenklich, deine Schilderungen über den Besuch ……….. ergreifend und berührend.

Für mich ist DAS hier das Bild des Tages

wunderschön.

Danke für´s zeigen

Liebe Grüße Netti
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24 Mai 2018 09:54 #522074
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Lieber Stefan
Wunderschön sind deine Aufnahmen von den Himbas und sehr berührend die Fotos mit der Himbafrau, Beate und dem Armreif.
Wir waren 2014 übrigens mit Mario in einem anderen Dorf. Dort verkauften die Himbafrauen für ca. 100 € ihren Halsschmuck mit der Muschel. An deren Hals hing nun ein Schlüssel für die Vorratshäuschen.
Bereits 2003 besuchten wir oberhalb Opuwo von der Rustic-Toko-Lodge aus ein Himbadorf. Schon damals wurde angekündigt, dass die Kultur der Himbas die nächsgten 10 Jahre nicht überdauern würde. Die Kinder wurden zweimal jährlich während drei Wochen mit einem Schulbus besucht. In der Zwischenzeit mussten sie Aufgaben lösen. Wir wurden eingeladen rsp. aufgefordert, ihnen dabei zu helfen. Unser Führer meinte, wenn die Himbakinder lernen wie die anderen Namibier leben, würden diese nicht mehr wie ihre Eltern leben wollen.
Liebe Grüsse Irene
Letzte Änderung: 24 Mai 2018 17:08 von Grosi.
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24 Mai 2018 20:05 #522119
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vielen Dank für euer Bilderlob :kiss: .
Es freut mich, dass es mir offenbar gelungen ist, etwas von der Würde und Ausstrahlung dieser Frauen in den Bildern auszudrücken.
Ich persönlich finde, gerade die behutsame, auf "historisch" getrimmte Schwarzweiss-Wandlung verstärkt diese Ausstrahlung noch, weil sie die Fotos auf das wesentliche reduziert. In Farbe wirken die Bilder auf mich z.T weniger aussagekräftig.

Wir haben darauf geachtet, von den Himbas keinen Schmuck, sondern nur Gebrauchsgegenstände zu kaufen.
Wir finden es schlimm, ihnen Dinge abzukaufen, die z.T. rituelle oder symbolische Bedeutung haben, wie es bei dem Schmuck ja oft der Fall ist. Und wir würden uns total schäbig fühlen, wenn wir ein Fell- oder Lederkrönchen in der Vitrine hätten, während die Vorbesitzerin sich mit einer Plastiktüte schmückt ... :(

Interessant, von euren ganz unterschiedlichen Erlebnissen bei den Himbas zu lesen.
Dass die Himba-Kultur entgegen der Aussage von 2003 immer noch existiert, lässt vielleicht doch ein wenig für die weitere Zukunft der Himbas hoffen. Ich würde es mir (und ihnen) wünschen ...

Die Klohäuschen sind ein typisches Beispiel für gut gemeinte, aber letztlich unnütz verschwendete finanzielle Mittel.
Besser wäre es gewesen, diese Gelder für Projekte einzusetzen, die den Himbas eine Perspektive bieten. Ein schwieriges Thema ...
LG Stefan

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Letzte Änderung: 24 Mai 2018 20:21 von loeffel.
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